Der Tagesspiegel : ... und in Berlin Was 2005 geschah … in Deutschland

Ein vorausschauender Rückblick auf ein turbulentes Jahr

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Von Bernd Matthies JANUAR Die „Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ wandelt sich, wie erwartet, in eine Partei um, gibt sich den Namen WAL, „Wahre Linke“. Vorstandsmitglied Thomas Händel trägt diese Entscheidung auf einer MitgliederVollversammlung in der Bochumer Starlight-Halle vor, anschließend singt Peter Maffay: „Über sieben Brücken sollst du gehen.“ Während dieses Auftritts fährt ein Mann mit knallrotem Glitzerkostüm auf Rollschuhen vors Podium und nimmt den Schutzhelm ab: Oskar Lafontaine. Unter großem Jubel ergreift er das Mikrofon, räuspert sich und sagt: „Genossen, ich nehme die Wahl an!“ Als ihm bedeutet wird, ein Parteitag mit eventueller Wahl sei erst für den Mai vorgesehen, antwortet er: „Dann nehme ich sie eben dann an!“, greift sich einen Strauß Nelken und wirft sie unter die Fans.

FEBRUAR Sibirische Kälte lähmt das Leben in Deutschland. Verkehrsminister Stolpe muss Pressemeldungen bestätigen, nach denen das Mautsystem für Lastwagen auf den Autobahnen nicht wie erhofft funktioniert. Bei Temperaturen unter minus fünf Grad stellen die Sensoren ihren Dienst ein. Erste Untersuchungen der bis dahin vorliegenden Abrechnungen zeigen, dass dadurch offenbar statt der gefahrenen Strecke die Ziffern der Lkw-Kennzeichen erfasst und mit der Uhrzeit multipliziert wurden; außerdem erhalten die Fuhrunternehmer Gutschriften statt Kontenbelastungen. Der Einnahmeausfall wird auf 50 Milliarden Euro pro Monat beziffert. Stolpe sagt, man werde sorgfältig prüfen, ob Schadenersatzforderungen oder Konventionalstrafen gegen das Maut-Konsortium geltend gemacht werden können.

MÄRZ Die Kälte dauert an. Juristen des Bundesverkehrsministeriums entdecken eine Klausel im Mautvertrag, derzufolge das Funktionieren des Systems nur bei Temperaturen bis zu minus drei Grad garantiert wird. Stolpe verkündet daraufhin, dass die Autobahnmaut nur noch von Mai bis November erhoben, dafür aber verdoppelt werde. Wegen der dennoch auflaufenden Defizite muss Finanzminister Eichel einen Nachtragshaushalt vorlegen und verkündet drastische Einschnitte in allen Bereichen. Oskar Lafontaine, der designierte WAL-Vorsitzende, äußerst sich kritisch und fordert Steuererhöhungen für Besserverdienende.

APRIL Neue Aufregung um den geplanten Großflughafen Berlin-Schönefeld. Ein Hobbybiologe der Bürgerinitiative gegen den Bau entdeckt beim ersten Tauwetter in Höhe der geplanten Landebahn ein Loch, das sich als Bau eines seltsamen Vogels herausstellt. Es handelt sich um die blauschwänzige Kleintrappe, deren Existenz bislang nur von Alexander von Humboldt in seinem Orinoco-Tagebuch angedeutet wurde. Greenpeace-Aktivisten bilden sofort eine Mahnwache und kippen dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Platzeck einen Haufen übel riechende blaue Federn vor seinen Amtssitz. Platzeck dementiert wenig später Zeitungsmeldungen, nach denen er festgestellt habe, Schönefeld sei nun reif für die Tonne. In Wirklichkeit habe er gesagt, es sei keine Wonne, dass wegen des geschützten Vogels nun eine weitere Verzögerung von drei Jahren unausweichlich sei.

MAI „Ihr könnt Oskar zu mir sagen!“ ruft Oskar Lafontaine, als er im Bochumer Ruhrstadion erwartungsgemäß zum Großen 1. Vorsitzenden der WAL gewählt wird. Die Herrschenden, verkündet er, müssten sich nun warm anziehen. Er fordert die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die Verdoppelung der Einkommensteuer, und er deutet an, er habe eine völlig neue Quelle aufgetan, die Deutschland Wohlstand „bis ins nächste Jahrhundert" sichern werde. Auf Nachfragen heißt es nur, Näheres gebe er nach seiner Wahl zum Kanzler bekannt.

JUNI Wer steht hinter Juganskneftegas? Das russische Ölunternehmen, das im Dezember 2004 an eine ominöse „Baikalgruppe“ verkauft wurde, ist doch nicht in der Hand des Kreml. Russische Ermittler verfolgen angeblich eine „Spur OL“, die vom russischen Twer nach Deutschland führt und sich irgendwo im äußersten Westen der Republik verliert.

JULI In Potsdam muss Ministerpräsident Platzeck einräumen, dass der Flughafen Schönefeld vor dem Ende steht. Die Population der blauschwänzigen Trappe hat sich nach Angaben der Bürgerinitiative als riesig erwiesen; das Bundesverwaltungsgericht signalisiert, dass eine endgültige Untersagung des Baus wahrscheinlich sei. Platzeck kündigt an, dass er mit den Betreibern des Flughafens Halle/Leipzig über eine Namensänderung verhandele: „Neu-Schönefeld". Dies solle nun endlich Planungssicherheit geben und allen Beteiligten erlauben, das Gesicht zu wahren. Die Verbindung nach Berlin könne mit Shuttle-Bussen im Halbstundenabstand gewährleistet werden, da mit einer Bahnanbindung erst gegen 2030 zu rechnen sei.

AUGUST Angela Merkel, die Vorsitzende, erste stellvertretende Vorsitzende, Generalsekretärin und Kanzlerkandidatin der CDU, fordert den Rücktritt der Bundesregierung. Anlass ist eine Infratest-Umfrage, nach der 57 Prozent der SPD-Wähler Oskar Lafontaine als Kanzler sehen wollen.

SEPTEMBER Die blauschwänzige Kleintrappe gerät in Schwierigkeiten. Ein Berliner Humboldt-Kenner schreibt für „Spiegel online“, im Werk des großen Naturforschers werde kein Vogel dieses Namens erwähnt. Oskar Lafontaine, der gemeinsame Kanzlerkandidat von WAL und PDS, tritt vor die Presse und lässt die Bombe platzen: „Ja“, sagt er, „ich bin die Baikalgruppe. Und ich gebe euch russisches Öl im Überfluss, wenn ihr mich wählt.“ Bundeskanzler Schröder spricht von einem, „ich sag mal, diktatorischen Akt“ und sagt, er habe Oskar schon immer ölig gefunden. Lafontaine repliziert: „Eine politische Umwälzung ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken.“ Die Milliarden für das Ölgeschäft werde er aus der Erhöhung der Erbschaftssteuer finanzieren.

OKTOBER Die Zweifel an der Existenz der blauschwänzigen Kleintrappe werden lauter. Ein britischer Botaniker teilt mit, nach seiner Auffassung handele es sich schlicht um eine Amsel mit blaugefärbtem Schwanz, die keineswegs in Erdlöchern wohne. Ministerpräsident Platzeck teilt mit, Schönefeld sei „gestorben, so oder so“. Ein plötzlicher Kälteeinbruch lähmt das Mautsystem schon Wochen vor der Novemberpause. Die Minister Eichel und Stolpe treten zurück.

NOVEMBER Ein Juganskneftegas-Sprecher bestätigt, dass sein Unternehmen in Schönefeld eine große Ölraffinerie errichten und von dort aus ganz Deutschland mit billiger Energie versorgen will. Er weist Vermutungen zurück, seine Firma habe die Amsel blau gefärbt, um das Flughafen-Projekt zu kippen: Derlei geheimdienstliche Machenschaften seien ihr vollständig wesensfremd.

DEZEMBER Gerhard Schröder erregt Aufsehen, weil er eine Einladung der Familie Putins zum gemeinsamen Saunieren und Kutschenfahren zwischen Weihnachten und Silvester ausschlägt: Kutsche fahren könne er auch in Hannover, und Sauna sei nichts für seinen Kreislauf. Vertraute lassen durchsickern, er sei wütend über den Öl-Deal. Verkehrsminister Benneter eröffnet den alten Grenzübergang Helmstedt-Marienborn als Modell-Mautstelle zur Handdatenerfassung – und wird fast von einer umstürzenden Brücke des alten Stolpe-Systems getroffen. In New York teilt Joschka Fischer mit, er interessiere sich für das Amt des UN-Generalsekretärs und werde als erste Amtshandlung Deutschland unter ein Total-Embargo stellen und Blauhelme nach Schönefeld entsenden. Das deutsche WM- und Wahljahr 2006 kann beginnen.

JANUAR Die erste Senatssitzung des neuen Jahres beginnt, wie die letzte aufgehört hatte: Mit dramatischen Sparappellen des Finanzsenators. Sarrazin schließt seine Rede mit den Worten: „Wie ich immer sage: Der argentinische Haushalt ist…“, die Senatskollegen unterbrechen ihn und singen im Chor die Fortsetzung: „… von den Eckwerten her im Vergleich zu unserem durchfinanziert und soli-hi-de.“ Sarrazin wendet sich zornig an den Chef der Senatskanzlei: „Jetzt langt es aber! Wo bleibt Wowereit?“ Wowereit, erfährt er, habe sich beim Umziehen verspätet. „Was zieht der Kerl sich auch dauernd um!“ zürnt Sarrazin, wird aber beschwichtigt: Der Regierende sei gerade beim Umzug von Lichtenrade nach Halensee im Stau stecken geblieben. Sarrazin ruft „Ihr werdet euch noch wundern!“ und verlässt den Sitzungssaal unter Türenknallen.

FEBRUAR Die Potsdamer Ermittlungen zum bisher größten Fall von Geldfälscherei, die im Dezember 2004 begannen, führen nach Berlin. Unter einer umgestürzten Druckmaschine in Kreuzberg finden die Fahnder den mutmaßlichen Hintermann, einen ukrainischen Ingenieur. Bevor er stirbt, flüstert er ein Wort, das, sofern deutsch, „Sofa“, „Ofen“ oder „Kloster“ heißen könnte.

MÄRZ Neues Konzept der Schulverwaltung gegen den Unterrichtsausfall. Jede Schulstunde soll nach den Sommerferien 75 statt bisher 45 Minuten dauern. „So bringen wir die Fehlstunden praktisch vollständig zum Verschwinden und kommen der Ganztagsschule kostenneutral ein großes Stück näher“, erläutert Schulsenator Böger. Zum Ausgleich sollen die Lehrer dafür zunächst eine Stunde pro Woche mehr arbeiten. Die GEW protestiert.

APRIL Senator Sarrazin kommt mit einem großen Aktenkoffer in die Sitzung. Als Sozialsenatorin Knake-Werner mitteilt, wegen des kalten Winters habe der Etatansatz für Wärmestuben nicht ausgereicht, greift er hinein und knallt ein Bündel Banknoten auf den Tisch: „Ist das genug?“ „D,d,d,danke!“ stottert die Senatorin verdutzt.

MAI Die Kripo nimmt einen Mann fest, dessen Fingerabdrücke auf der tödlichen Druckmaschine gefunden wurden. Es handelt sich um einen ehemaligen Pförtner aus dem Stellenpool des Senats. Er verweigert die Aussage, merkt aber an, seine Direktiven kämen „von weit oben, sehr weit oben“.

JUNI Wieder macht Sarrazin einen Kollegen glücklich. Innensenator Körting erhält ein Bündel Geld, mit dem er Benzin für die Streifenwagen der Polizei kaufen soll. Ein Polizist bleibt dennoch zufällig vor der Finanzverwaltung in der Klosterstraße liegen – und erlebt einen Geistesblitz. Hat der sterbende Ingenieur nicht „Kloster“ gesagt?

JULI Ein Sondereinsatzkommando der Polizei bricht einen Lagerraum im Keller der Finanzverwaltung auf und entdeckt dort perfekt nachgeahmtes Falschgeld im Nennwert eines kompletten Landesetats. Finanzsenator Sarrazin verweigert die Aussage und sperrt sich in seinem Büro ein. Frank Castorf kündigt eine „Blitzpremiere“ an der Volksbühne an: Christoph Schlingensiefs neues Stück „AttaBambi-Pleitestadt“ mit Désirée Nick in der Hauptrolle. Schlussszene: 111 nackte Sarrazin-Darsteller, die in strömendem Regen Geld vom Dach des Reichstags werfen.

AUGUST Schulsenator Böger fordert die Lehrer auf, noch ein paar Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen. Er könne sie sonst „nur noch mit Sarrazins Blüten“ bezahlen. Die GEW protestiert.

SEPTEMBER Feierliche Eröffnung des Tiergartentunnels für den Autoverkehr. Mit fünf Jahren Verspätung fährt der Konvoi von Süden her ein, muss aber nach 500 Metern stoppen. Vorn ist nur eine Spundwand, seitlich rechts ein verschlossenes Tor. Der Bauleiter rückt auf dringliches Befragen mit der Wahrheit heraus: Hinter dem Tor befinde sich die sechsspurig ausgebaute unterirdische Zufahrt zum Tempodrom, die man auf Wunsch des damaligen Senators Strieder angelegt habe. Für den eigentlichen Tunnel habe das Geld dann nicht mehr gereicht.

OKTOBER In einem anonym zugesandten Brief findet die Senatskanzlei einen Schlüssel mit einem Anhänger „Tempodrom-Tunnel“. Das Tor wird aufgeschlossen, dahinter lagern in einem Tunnelabzweig riesige Mengen von 100- Mark-Scheinen, die offenbar echt sind. „Der Landowsky-Schatz ist gefunden!“ titelt die BZ – offenbar enthält das Lager aber nicht nur die verschwundenen Milliarden der Landesbank, sondern auch Geld, das beim Bau des Tempodroms versickert war.

NOVEMBER Bundesbankpräsident Weber teilt mit, die 27 Milliarden Mark aus dem Tempodrom-Tunnel seien wertlos. Der von Berlin geforderte Tausch gegen Euro komme nicht in Frage, da dies die Stabilität des gesamten deutschen Währungssystems gefährden würde. „Sie können es ja gegen die Sarrazin-Blüten tauschen“ rät er Wowereit.

DEZEMBER Berlin meldet Insolvenz an. Klaus Wowereit küsst Désirée Nick in der Silvesternacht unter dem Brandenburger Tor. Von der Quadriga rieselt Falschgeld herunter.

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