Der Tagesspiegel : … und können zusammen nicht kommen

Aurith und Urad liegen sich an der Oder gegenüber. Doch auch ein Jahr nach Polens EU-Beitritt gibt es keine Fähre und keine Kontakte

Sandra Dassler

Aurith/Urad - Miroslaw Woznioch reicht dem Jungen vor seiner Theke ein Eis hinüber. „Ich kann von dem Laden einigermaßen leben“, sagt er. Zwar seien die Preise nach dem EU-Beitritt Polens gestiegen, zwar böten die Supermärkte in den Städten vieles billiger an. „Aber“, Woznioch lächelt verlegen, „noch haben die meisten der 425 Einwohner von Urad kein Auto. Und bis in die nächste Gemeinde sind es zwölf Kilometer.“

Der Krämerladen von Miroslaw Woznioch liegt nur ein paar Schritte von der Oder entfernt. Bis 1945 war hier die Mitte des Dorfes Aurith, heute wirkt das dschungelartig bewachsene Ufer gottverlassen. An der Oder endet Urad, hier endet Polen, hier endet auch die Straße. Bis vor 60 Jahren verband hier eine Fähre die rechte Oderseite, wo die meisten Häuser standen, mit der östlichen, wo die fruchtbarsten Felder lagen. Die Fähre brachte Menschen, Pferde, Kühe und landwirtschaftliches Gerät über den Fluss. Morgens hin, abends zurück.

Mit dem Kriegsende brach die Verbindung ab. Die Deutschen mussten Aurith verlassen, in ihre Häuser zogen Menschen, die ebenfalls alles verloren hatten. Sie hatten zuvor in Ostpolen gelebt, das 1945 an die Sowjetunion fiel. Viele rechneten damit, dass die Deutschen eines Tages wiederkommen würden und investierten wenig in die Häuser.

Miroslaw Woznioch hat den Laden erst 1997 gekauft und umgebaut. Weil es damals Pläne gab, zwischen dem deutschen Aurith und dem polnischen Urad eine Brücke zu bauen, richtete er eine kleine Gaststätte ein. „Ich hatte Hoffnung, dass mit der Brücke mehr Kundschaft kommt“, erzählt er. Doch die Brücke wurde nicht gebaut und auch nach dem EU-Beitritt Polens vor einem Jahr dürfen keine Boote über den Fluss fahren. Der Grenzübergang ist in Frankfurt (Oder), dorthin müssen die Urader, wenn sie nach Deutschland wollen. Bis nach Aurith, dessen Hunde sie bellen hören, wären sie fast eine Stunde mit dem Auto unterwegs.

Aber die Urader fahren nicht nach Aurith. Miroslaw Woznioch ist seinem „Kollegen“ auf der anderen Seite des Flusses nie begegnet. Dabei liegt die Gaststätte von Heinz Blümel keine 300 Meter Luftlinie entfernt. 1990 hat Blümel das Haus gekauft und liebevoll „Zur Alten Fähre“ umgebaut – auch er dachte, dass die Fährverbindung über die Oder wieder aufgenommen würde. „Aber es wäre zu teuer geworden, sie zu betreiben.“

Ein paar Jahre später dann hat er sich gegen die Brücke gewehrt, die die Brandenburger Landesregierung bauen wollte. Er begründet seinen Widerstand wie alle 48 Aurither mit der Sorge um die Auenlandschaft, deren Flora und Fauna durch den Autoverkehr zerstört würde. Er macht aber auch keinen Hehl daraus, dass er Angst vor der Konkurrenz hat: „Am Tag, an dem eine Brücke öffnet, muss ich dichtmachen. Mit den billigen Bier- und Essenspreisen drüben kann ich nicht mithalten.“

Groß war vor einem Jahr auch die Sorge der Aurither, dass mit der EU-Erweiterung polnische Arbeitskräfte in Massen kommen und auch die illegalen Grenzübertritte zunehmen würden. Doch „es hat sich eigentlich nichts geändert“, sagt Blümel. Richtig froh klingt das auch nicht.

Kazimiercz Kuleczko, der ehrenamtliche Bürgermeister von Urad, bedauert, dass es keine Brücke gibt. „Es würde beiden Seiten nützen“, meint er und erinnert sich, dass die Urader in den 70er Jahren oft sehnsüchtig hinüberblickten: „In der DDR lebten die Menschen materiell gesehen besser als wir. Aber sie waren politisch mehr unterdrückt.“ Im Sommer 1989 schwammen junge Ostdeutsche in Scharen durch die Oder, um in die Botschaft der Bundesrepublik in Warschau zu flüchten. „Wir versteckten sie vor den Grenzern und gaben ihnen trockene Kleider“, erzählt Kuleczko.

Auch in Urad hat sich nach der EU- Osterweiterung nicht viel geändert. Nur die Bauern bekommen jetzt Subventionen aus Brüssel. Bürgermeister Kuleczko arbeitet als Mechaniker im Pumpenwerk, das Urad 1997 vor dem Jahrhundert- Hochwasser schützte, während auf deutscher Seite die Dämme brachen und Aurith in den Fluten versank. Kuleczko verdient umgerechnet 250 Euro im Monat. Die Arbeitslosigkeit beträgt 20 Prozent, trotzdem bleiben die meisten jungen Polen lieber in der Heimat als in Westeuropa auf Jobsuche zu gehen.

Auch wenn die Oder keine EU-Außengrenze mehr ist, wird sie nach wie vor streng kontrolliert. Gänse, die von Urad nach Aurith schwimmen, bringt der Grenzschutz zurück. Und als damals zur Feier des Beitritts Polens zur Europäischen Union ein Boot zwischen Urad und Aurith hin- und herfuhr, waren Grenzbeamte an Bord, um ordnungsgemäß die Ausweise zu sichten. Immerhin konnten sich an diesem 1. Mai 2004 die Urader und die Aurither in die Augen blicken. Eine Wiederholung der Aktion zum Jahrestag der Erweiterung ist nicht geplant.

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