Der Tagesspiegel :   UNTERM  ADLER  

Thorsten Metzner über markante Minister und die Wunder der Wirtschaftspolitik

Für Spitzenpolitiker ist der Job bisweilen wie eine Droge. Nach ihrem Ausscheiden finden manche sich nur schwer im „normalen“ Alltag zurecht. Innenminister Jörg Schönbohm dürfte dies nicht passieren: Der 71-jährige Christdemokrat, der nach der Landtagswahl im Herbst 2009 seinen Ministerposten „endgültig“ aufgeben will, wird schon jetzt in seinem Wohnort Kleinmachnow ab und zu am Steuer des eigenen Kleinwagens gesichtet. Jüngst radelte er sogar ohne Begleitung ins benachbarte Zehlendorf, um dort „eine Druckerpatrone zu kaufen“. Trotz des tief ins Gesicht gezogenen Basecaps wurde er sofort erkannt. Als er sich an einer Ampel mit dem Anorak am Sattel verhedderte und etwas ins Wackeln geriet, rief ihm eine Zehlendorferin zu: „Herr Schönbohm, halten Sie sich senkrecht! Wir brauchen Sie noch!“ Woher sie ihn kenne? „Aber Herr Schönbohm, Sie waren doch unser Senator.“ Das muss Balsam für Schönbohm gewesen sein: Es ist neun lange Jahre her, seit er seinen Senatorenposten für die Brandenburger CDU aufgegeben hat.

Wie sich die Zeiten ändern. Seit Rot- Rot in Berlin regiert, hat es offenbar auch für Unternehmer seinen Schrecken verloren. Jetzt überraschte Wolf Burkhard Wenkel, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau, dem mit 900 Mitgliedsfirmen größten Bauarbeitgeberverband der Region, mit einer eigenwilligen Sicht. Wenn er sich so die Berliner Politik anschaue, dann falle ihm auf, dass Wirtschaftssenator Harald Wolf ja nicht gerade linke Politik mache, erklärte Wenkel in kleiner Runde im noblen „Speckers Landhaus“ in Potsdam. „Eigentlich könnte Herr Wolf auch FDP-Mitglied sein.“ Das Fazit des Arbeitgeber-Funktionärs: „Wenn ich Politiker wäre, würde ich immer mit der PDS koalieren. Die sind so was von pflegeleicht.“

Er ist für markige Sprüche, ein legeres Äußeres, Zigarren und Laptop als ständige Begleiter bekannt. Kritiker mokierten sich gelegentlich über „ungehobeltes“ Auftreten, aber das ist lange her. Neuerdings präsentiert sich Rainer Speer (SPD), Brandenburgs Finanzminister und starker Mann hinter Regierungschef Matthias Platzeck, erkennbar staatstragender: Anzug statt T-Shirt, Dienstwagen statt Fahrrad. Auf der jüngsten Kabinettssitzung tat Speer seine Wahrnehmung der Finanzkrise kund. Mit Blick auf all die „sogenannten Experten und Wirtschaftsweisen“, die früher das Hohelied des Marktes sangen und jetzt nach dem Staat riefen, ätzte Speer: „So viele Wendehälse wie heute habe ich zuletzt 1989 erlebt.“

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