Der Tagesspiegel :   UNTERM  ADLER  

Thorsten Metzner über Fahndungen im Brandenburger Landtag

Manchmal wundert sich Jörg Schönbohm noch, obwohl Brandenburgs Innenminister, 71 Jahre, einst General, Senator in Berlin und CDU-Chef im Land, schon viel erlebt hat. Neulich, so plauderte Schönbohm aus dem Nähkästchen, bekam er ein „unverschämtes Gnadengesuch“ eines notorischen Verkehrssünders, der seinen Führerschein abgeben musste: Der sei ein „Wiederholungstäter gewesen, hatte 6 Voreintragungen und 14 Punkte in Flensburg, wollte aber nicht einmal die Geldbuße zahlen und hat sogar noch gedroht“. Natürlich war die Intervention bei Schönbohm vergeblich. Ohnehin starten nur wenige Erwischte den Versuch, ihn um „Gnade“ zu bitten: 2008 waren es 33 – bei 1,1 Millionen Geblitzten und 25 000 Verkehrssündern, die ihren Führerschein abgeben mussten. In 17 „begründeten“ Fällen ließ sich Schönbohm dennoch erweichen – meist zu einer Terminverlegung des Fahrverbotes.

Der Brandenburger Landtag ist in gewisser Hinsicht mit dem Bermudadreieck vergleichbar, wo bekanntlich sogar Flugzeuge und Schiffe verschwunden sein sollen. Auch im Potsdamer Parlamentsgebäude gibt es mysteriöse Verluste, allerdings anderer Art, wie Landtagsdirektor Detlef Voigt jetzt allen Fraktionen mahnend schrieb – und um die „Rückführung von Geschirr in die Kantine“ bat. Denn der dortige Pächter beklage „einen anhaltenden Schwund von Geschirr, Besteck und Tabletts“. Tja, wenn es irgendwo ein Problem gibt, tagt eine Kommission. So kündigt Voigt den Parlamentariern an, es sei „im Ergebnis der Sitzung der Kantinenkommission beschlossen worden, eine Begehung in den Büros und Teeküchen des gesamten Hauses durchzuführen, um so eine Rückführung des Geschirrs sicherzustellen“. Wehe, wehe, wenn ein Volksvertreter bei der verdachtsunabhängigen Schleierfahndung erwischt wird.

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