Der Tagesspiegel :   UNTERM  ADLER  

Thorsten Metzner über Lehrstunden, Vogelkunde und dörfliche Einblicke

Brandenburgs CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski hatte kürzlich ein ganz persönliches Wahlkampferlebnis: Unter seiner Regie hat die Union gerade landauf und landab Großplakate aufgestellt, auf denen wegen des hohen Stundenausfalls im Land eine „Unterrichtsgarantie“ gefordert wird. Jetzt, ein paar Tage nach Schulbeginn, brachte seine Tochter eine „Elterninformation“ des Rathenower Gymnasiums mit, weil die Musiklehrerin wegen Krankheit ausfällt und ihre Rückkehr „nicht absehbar“ ist. „Das Fach Musik kann zurzeit nicht fachgerecht vertreten werden“, heißt es darin. „Wir können heute nicht sagen, welche Lehrkraft die Musikprüfung abnehmen wird.“ Daher stelle man den Schülern frei, bei der Zehnte-Klasse-Prüfung „ein anderes Prüfungsfach zu wählen“. Wer trotzdem bei Musik bleibt, bekommt die Zusage: Geprüft werde der Stoff aus der 9. Klasse und der „behandelte Stoff“ aus der Jahrgangsstufe 10. Dombrowskis lakonischer Kommentar: „So ist eben Brandenburg.“

Es ist eine Herausforderung: Kerstin Kaiser, die Linke-Spitzenkandidatin im Land, versucht gerade, als Sängerin beim märkischen Wahlvolk zu punkten – und hat nicht einmal populäre Volksmusik im Repertoire. Stattdessen zieht Kaiser mit dem intellektuell-politischen Liederprogramm „Der rote Mohn“ durch die märkischen Lande. Es gibt sogar eine CD mit Songs. Und im TV-Wahlspot der Linken ist Kaiser mit ihrem Lieblingslied aus der Feder von Kurt Demmler präsent: „Lasst uns wie die Kraniche sein“, tönt es da. Während sie dies singt, läuft passend im Hintergrund ein Film mit fliegenden Kranichen. Nanu, ist das überhaupt der selten gewordene Mythenvogel? Ornithologisch Bewanderte aus der eigenen Partei und von der Konkurrenz haben die Schummelei sofort erkannt: „Es sind ganz normale Kanadagänse.“

In dem kleinen Ort Barnewitz im westlichen Havelland lebt die Schriftstellerin Juli Zeh. In einem Interview für das SPD-Blatt „Perspektive 21“ gab die 35- Jährige einen Einblick, wie das märkische Dorfleben funktioniert. „Hier gibt es gefühlt keine Obrigkeit. Es gibt zwar den Bürgermeister, aber der ist auch einer von uns. Es gibt kein Autoritätsgefühl.“ Probleme versuche man „untereinander zu regeln“. Die Leute seien, so die im Westen aufgewachsene Schriftstellerin, „politische Atheisten“, eigentlich ohne Erwartungen an Staat oder Politik. „Man sieht zu, wie man selber durchkommt, hilft sich gegenseitig.“ Dennoch seien die Leute, selbst wenn sie arm seien, zufrieden: „Ich habe gelernt, dass Durchwursteln und Zufriedensein etwas miteinander zu tun haben. Und zwar weil Durchwursteln Zusammenhalt bedeutet.“

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