Der Tagesspiegel : 2. Ein Mann, der Pferde über alles liebte

Er war ein Pferdenarr. Und weil er hoch zu Ross in "sein" Institut zu reiten pflegte, nannte man ihn halb spöttisch, halb bewundernd den "Kaiser von Dahlem". Auch sonst war er eine stattliche Erscheinung, weltberühmt, verehrt und von der Damenwelt begehrt. Dabei war es ein offenes Geheimnis, dass er mit einem Mann zusammenlebte. Zu jener Zeit ein heikles Unterfangen, aber ihn tastete man deshalb nicht an. Seine Bedeutung war sogar so groß, dass er trotz seiner jüdischen Abstammung NS-Zeit und Krieg unbeschadet überstand. Er erhielt, wie schon sein akademischer Lehrer, die höchste Auszeichnung, die ein Wissenschaftler erringen kann. Aus seinem Labor gingen wieder drei Forscher hervor, denen diese Ehrung zugesprochen wurde. Wissenschaftlich beschäftigte er sich mit grundsätzlichen Lebensprozessen und schlug die Brücke zwischen der unbelebten und der belebten Materie, zwischen Chemie und Biologie. Sicher, man kann ihn auch eigensinnig, ja verschroben nennen. Baute er doch sein Gemüse im Institut an und pflegte sein eigenes Brot zu backen. Aber so ist das mit Genies, die ihre eigenen Wege gehen. Auch zu einer häufigen Zivilisationskrankheit hatte er eine ganz eigenständige Theorie entwickelt, die in der Fachwelt wie unter Laien großes Aufsehen erregte. Bis heute hat sie ihre Anhänger, und vielleicht steht ihr sogar eine Renaissance bevor. Er starb mit 86 Jahren.

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