2007.09.30 Neuss : "Silberpfeil"-Pilot Hamilton siegt in Fuji

Lewis Hamilton hat den Großen Preis von Japan in Fuji gewonnen. Durch den Ausfall seines Teamkollegen Fernando Alonso machte der "Silberpfeil"-Pilot zudem einen großen Schritt auf dem Weg zu seinem ersten WM-Titel.

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Lewis Hamilton gewinnt

Als Lewis Hamilton sein Meisterstück gemacht hatte, riss er beide Arme noch oben und vollführte einen Freudentanz auf seinem "Silberpfeil". Nach dem größten Sieg seiner Karriere hat der 22-jährige Engländer den Formel-1-Titel 2007 fast in der Tasche. Bereits am kommenden Sonntag kann sich der rasende "Rookie" mit einem weiteren Erfolg in Schanghai zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte krönen.

Hamilton würde dann die Nachfolge seines Teamkollegen Fernando Alonso antreten, dessen WM-Träume im Regenchaos von Fuji nach einem schweren Unfall so gut wie ausgeträumt sind. Der als Zugang bei Ferrari ab 2009 gehandelte Spanier, der bei zwei noch ausstehenden Rennen fast uneinholbare zwölf Punkte hinter Hamilton auf Rang zwei liegt, hat die Hoffnung aufgegeben: "Ich brauche ein Wunder." Der zweimalige Weltmeister weiß, dass er es aus eigener Kraft wohl kaum noch schaffen kann: "Ich muss gewinnen und hoffen, dass mein Rivale ausfällt."

Hamilton im siebten Himmel

Hamilton schwebte derweil im siebten Himmel. "Das war das beste und längste Rennen meines Lebens. In der letzten Runde habe ich an Senna und Prost gedacht und dass ich auf dem Weg bin, das Gleiche wie sie zu schaffen", meinte der trotz einer Karambolage mit Robert Kubica (Polen) unschlagbare Hamilton und bekam bei der Siegerehrung vor 150.000 Zuschauern feuchte Augen: "Natürlich will ich jetzt Weltmeister werden."

Zum tragischen Helden in Fernost wurde Sebastian Vettel (Heppenheim), den nach sensationeller Fahrt bis auf Position eins ein Unfall das Podest kostete. Bester Deutscher war Adrian Sutil (Gräfelfing), der nach einer Zeitstrafe für Vitantonio Liuzzi (Italien) im Spyker den achten Platz belegte und damit den ersten WM-Punkt seiner Karriere holte. Nick Heidfeld (Mönchengladbach/BMW-Sauber), Ralf Schumacher (Kerpen/Toyota), Nico Rosberg (Wiesbaden/Williams) und Vettel (Toro-Rosso) waren allesamt ausgeschieden.

Alonso war nach dem Ausfall am Boden zerstört. Der im Zuge der Spionage-Affäre im Team in Ungnade gefallene Spanier zeigte in einem der turbulentesten Rennen der Geschichte mit zwei Safety-Car-Phasen, vielen Unfällen und einem brennenden Auto gleich mehrmals Nerven. Erst kollidierte er mit Vettel, danach krachte er "wegen Aquaplanings" in die Mauer.

Haug: "Das war die Vorentscheidung"

Mercedes-Sportchef Norbert Haug hatte wenig Mitleid und freute sich für Hamilton: "Ein Traum. Das war die Vorentscheidung. Das war eine grandiose Fahrt von Lewis, er ist ein ganz Großer." Hamilton triumphierte nach der rekordverdächtig langen Zeit von 2:00:34 Stunden vor den beiden Finnen Heikki Kovalainen (Renault/8,4 Sekunden zurück) und Kimi Räikkönen (9,5) im Ferrari.

Der mit 17 Punkten Rückstand auf Hamilton auf Platz drei in der WM-Wertung liegende "Iceman" könnte theoretisch als Einziger noch den Fahrertitel von McLaren-Mercedes verhindern, aber daran glaubt er selbst nicht mehr: "Meine Situation in der Weltmeisterschaft ist fast aussichtslos."

Das 20 Jahre alte Supertalent Vettel lag im unterlegenen Auto nach einer Leistung a la "Regenkönig" Michael Schumacher auf Platz drei, als er ausgerechnet in einer Safety-Car-Phase einen Unfall mit dem Australier Mark Webber verursachte. "Das war mein Fehler, ich habe mich bei Mark entschuldigt. Hamilton ist langsam geworden, ich habe geschaut und dann krachte es schon", meinte Vettel, der zuvor an der Boxenmauer geweint hatte: "Ich bin unglaublich enttäuscht, aber ich nehme auch viel Positives mit." Zum Beispiel seine ersten drei Runden als Spitzenreiter in einem spektakulären Regenrennen. Für den Automobil-Weltverband FIA war Vettel der Unfall-Verursacher. Deshalb wird der 20-Jährige beim Großen Preis von China um zehn Startplätze nach hinten versetzt.

"Man hat die ganze Zeit wegen der Gischt nichts gesehen, das war wie im Blindflug", meinte Hamilton danach. Deshalb hatte die Rennleitung entschieden, erstmals seit dem 24. August 1997 im belgischen Spa das Rennen hinter dem Safety Car zu starten. So behauptete Hamilton seine Pole Position vor Alonso, während die Ferrari von Räikkönen und Felipe Massa (Brasilien) an die Box mussten. Sie hatten entgegen der Anweisungen der Rennleitung keine Regenreifen aufgezogen und behaupteten, diese Anweisung niemals bekommen zu haben. Raikkönen: "Das hat unser Rennen ruiniert."

Erst nach 18 Runden wurde das Rennen freigegeben, Vettel schoss vom starken Qualifikationsplatz acht sofort auf Position drei nach vorn. Williams-Pilot Alexander Wurz (Österreich) schlitterte als erster von der Piste, dann fing der Honda von Lokalmatador Takuma Sato beim Boxenstopp Feuer.

Dann platzten Alonsos Titelträume bei einem brutalen Einschlag in eine Betonmauer. Der Spanier entstieg dem völlig zerstörten Auto unverletzt und stand minutenlang nachdenklich hinter einem Zaun, bevor er auf einem Motorrad traurig winkend zurück zur Box fuhr.

Nach der Safety-Car-Phase mit dem Vettel-Crash brachte Hamilton den vierten Sieg seiner Karriere souverän nach Hause: "Ich habe nach dem Unfall mit Kubica ständig Vibrationen gespürt und nur noch gehofft, dass ich das Rennen irgendwie beenden kann."