2007.11.12 Neuss : Italienische Polizei will "mit Strenge reagieren"

Bei den schweren Krawallen in Rom nach dem Tod eines Fußball-Fans sind 40 Polizisten verletzt worden. Drei Personen wurden festgenommen. "Wir müssen mit Strenge reagieren", erklärte ein Sprecher des Innenministeriums.

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Fans demonstrieren nach der Absage des Spiels Inter gegen Lazio

Einen Tag nach dem Tod des Fußball-Fans Gabriele Sandri und einer Welle von Gewalt hat die italienische Regierung den Hooligans im Land des Weltmeisters einen rigorosen Kampf angesagt. Bei einem Treffen zwischen Sportministerin Giovanna Melandri, Vertretern des Fußball-Verbandes FIGC und Regierungsmitgliedern wurden als erste drastische Maßnahmen ein Reiseverbot für behördlich bekannte gewaltbereite Fans, eine Ausweitung der polizeilichen Befugnisse bei Ligaspielen und die Absage des kompletten Programms in den unteren Spielklassen beschlossen.

Stopp der Ligen "unangebracht und riskant"

Die Forderung von Melandri und vieler politischer Parteien nach einer Aussetzung der Serie A für mehrere Wochen lehnte FIGC-Boss Giancarlo Abete jedoch kategorisch ab. Ein Stopp der Ligen sei "unangebracht und riskant", sagte Abete und begründete seinen Einwand gegenüber der RAI wie folgt: "Der Fußball bleibt jedoch für mich etwas, das Freude und Hoffnung gibt, wie wir es in Berlin im Juli 2006 gesehen haben."

Aber für das kommende Wochenende, an dem Weltmeister Italien im möglicherweise entscheidenden EM-Qualifikationsspiel in Glasgow gegen Schottland antreten muss, setzte die Politik die Absage des Programms in der Serie B und den Ligen darunter durch. Um den Ligabetreib generell sicherer zu machen, sind die Polizeichefs der jeweiligen Spielorte nun dazu ermächtigt, Spiele kurzfristig abzusagen, bei denen es im Vorfeld außerhalb des Stadions zu Ausschreitungen kommt. Das Reiseverbot betrifft Sonderzüge und Bustransporte, in denen große Gruppen von Fans befördert werden.

Darüberhinaus müssen Klubs, die über Stadien mit einer Kapazität ab 7500 Zuschauern verfügen, ab dem 1. März 2008 zusätzlich so genannte Stewards bei Spielen zur Gewährleistung der Sicherheit einsetzen. Die Vereine sollen außerdem eine Fan-Karte einführen, die eine stärkere Kontrolle der Tifosi und der Ultras-Gruppen erlauben soll.

"Italien steht im Griff der Hooligans"

"Es war erneut ein trauriger und schmerzhafter Tag für Italiens Fußball", sagte Verbands-Präsident Abete. Von einem "Albtraum" sprachen die italienischen Medien. "Das Land steht vor einer nationalen Notstandslage, wie die unglaublichen Szenen des Angriffes auf die Polizeikasernen bezeugen. Italien steht im Griff der Hooligans. Wir haben schreckliche Szenen eines außer Kontrolle geratenen Italiens gesehen", schrieb die Sporttageszeitung Gazzetta dello Sport.

Unterdessen kündigte Amato eine "tiefgründige Ermittlung" des Vorfalls um den Tod des 28 Jahre alten Lazio-Fans Sandri an, der auf einer Autobahnraststätte in der Nähe von Arezzo in seinem Auto durch die Kugel aus der Dienstwaffe eines Polizisten getötet worden war.

Die Aussagen des Verkehrspolizisten zu dem Hergang sind jedoch widersprüchlich. "Ich befand mich in einer Entfernung von über 200 Meter zu den Ultras. Ich habe einmal in die Luft geschossen, der zweite Schuss ist losgegangen, während ich auf die Ultras losrannte", wird der 32-Jährige in der Zeitung Corriere della Sera zitiert: "Ich habe zwei Familien zerstört, jene des Opfers und meine eigene.

Gegenüber der Zeitung Il Giornale beteuerte der Ordnungshüter seine Unschuld: "Ich bin mir sicher, dass ich zur Warnung in die Luft gefeuert habe. Ich weiß, was ich getan habe. Ich kann ihn nicht getroffen haben." Nach bisherigen Ermittlungen wurde Sandri in seinem Auto durch die Heckscheibe tödlich von einer Kugel getroffen.

"Ein Bastard hat meinen Sohn getötet"

Am Montag pilgerten Hunderte von Menschen zur Raststätte. Viele Lazio-Fans legten Blumen nieder. Die Familie des Opfers brachte ihren Zorn auf andere Art zum Ausdruck: "Gestern hat ein Bastard meinen Sohn getötet. Er sei ewig lang verflucht", war auf einem Blatt auf den Scheiben des Kleidergeschäfts von Sandris Vater in Rom zu lesen.

Nach dem Unglück war es vor allem in Rom zu einer Gewaltwelle gekommen, als unter anderem 400 Hooligans, die der Szene von Lazio und AS Rom zugeordnet werden, eine Polizeikaserne im Zentrum der Ewigen Stadt angegriffen hatten. Nach Angaben der Polizei wurden dabei 40 Beamte verletzt. Besorgniserregend sei die Lage eines Polizisten, der mit einer Eisenstange schwer verletzt worden sei.

Vier Hooligans, die nach dem Angriff auf die Kaserne und den Sitz des Nationalen Olympischen Komitees CONI festgenommen wurden, stehen auch unter Terrorismus-Verdacht. Nach Informationen aus Justizkreisen soll die Gewaltwelle einen "politischen Hintergrund" haben.

Anfang Februar dieses Jahres war beim sizilianischen Derby zwischen Catania Calcio und US Palermo der Polizist Filippo Raciti getötet worden. Ein 17 Jahre alter Hooligan wurde damals unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Damals war der gesamte Fußball-Spielbetrieb aufgrund des Vorkommnisses ausgesetzt worden.