2007.11.14 Neuss : Steffen: "Wenn ich Dritte werde, wäre es super"

Zehn Monate vor den Olympischen Spielen in Peking tritt Britta Steffen am Wochenende zum Leistungstest beim Weltcup in Berlin an. Im sid-Interview spricht die deutsche Schwimm-Hoffnung über ihre Ziele für das Jahr 2008.

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Auf dem Weg nach Peking: Britta Steffen

Zehn Monate Vorbereitung bleiben für Britta Steffen noch auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Der Arena-Weltcup am Wochenende in ihrer Heimatstadt Berlin gilt für die Ausnahme-Schwimmerin als Standortbestimmung. Dem großen Ziel ordnet die vierfache Europameisterin alles unter. Dem sid verriet Steffen im Interview der Woche unter anderem, warum sie selbst ihren 24. Geburtstag am Freitag nicht feiern kann.

sid: "Am Wochenende findet der Weltcup in Ihrer Heimatstadt Berlin statt. Verspüren Sie einen besonderen Druck?"

Steffen: "Nein. Berlin ist eine gute Zwischenstation, auf der man seine Form testen und sich mit anderen vergleichen kann. Das Ziel ist es, sich Motivation zu holen. Mein Fokus liegt auf den deutschen Meisterschaften Ende des Monats in Essen. Das ist mir im Moment wichtiger als der Weltcup."

sid: "In zehn Monaten beginnen die Olympischen Spiele in Peking. Wie ist der Stand der Vorbereitung?"

Steffen: "Im Moment geht es mir gut. Wir haben den Ausdauerblock geschafft und sind jetzt in der Phase der Feinarbeit. Der Weltcup und die deutschen Meisterschaften werden noch mal wichtige Wettkämpfe, bei denen man Erfahrungen sammeln kann - gerade für das nächste Jahr, wenn es in Peking darauf ankommt."

sid: "In welchen Bereichen gibt es noch Nachholbedarf?"

Steffen: "Ich habe keine großen Defizite, die man benennen könnte. Ich will versuchen, noch ein bisschen schneller und kräftiger zu werden. An der Ausdauer werden wir arbeiten. Nur nicht zu viel, weil dann die Schnelligkeit wieder leidet. Die Feinarbeit in allen Bereichen zu leisten, wird in den nächsten Monaten die Hauptaufgabe werden."

sid: "Welche Erwartungen haben Sie für die Olympischen Spiele?"

Steffen: "Das größte Ziel ist es, im Finale zu stehen. Und ich weiß, wie schnell es gehen kann, dass man sich den Finger bricht. Oder, dass die Qualifikation nicht klappt. Oder, dass Du deiner überdrüssig bist und denkst, Du kommst eh ins Finale und dann wirst du nur Neunte. So etwas soll mir nicht passieren."

sid: "Sondern?"

Steffen: "Wenn ich Dritte werde, wäre es super. Wenn ich gewinne, wäre es klasse. Ich habe vier Jahre lang sehr hart für Olympia gearbeitet. Mal intensiver, mal nicht so intensiv. Letztlich ändert sich an meiner Person aber nichts."

sid: "Wie muss man das verstehen?"

Steffen: "Man muss sich mal davon verabschieden, nur auf ein Ziel ausgerichtet zu sein. Man muss auch mal loslassen können. Ich denke, wenn ich die Olympischen Spiele überstanden habe - egal ob sie gut oder schlecht werden - bin ich im Leben ein ganzes Stück weitergekommen."

sid: "Gab es in der Vorbereitung wieder mentale Probleme. Damit hatten Sie ja in der Vergangenheit schon zu kämpfen?"

Steffen: "Ja. Es gab eine Zeit während der Vorbereitung, in der ich nicht motiviert war. So eine Depri-Phase hatte ich zwei, drei Wochen lang. Doch ich habe diese Probleme überstanden. Jetzt, wo es mit den Wettkämpfen wieder beginnt, da ist der Biss wieder da. Da steigt die Motivation, da steigt der Wille. Ich bin froh, dass dieses Gefühl zurückgekommen ist."

sid: "Sie tragen ihre Trinkflasche im Training immer bei sich. Warum?"

Steffen: "In dem Fall habe ich ein bisschen Paranoia. Ich muss immer wissen, wo meine Trinkflasche gerade steht. Auch weil ich Angst habe, dass mir jemand etwas reinmischt. Das ist eine komische Macke."

sid: "Wie sehr belasten Sie die ständigen Dopingdiskussionen?"

Steffen: "Ich mache mir oft Gedanken darüber und werde auch immer wieder darauf angesprochen. Natürlich ist Doping für viele Sportler interessant, weil man nur als guter Sportler viel Geld machen kann. Allerdings ist das meiner Meinung nach im Schwimmen nicht so. Um viel Geld zu machen, müssen Dich die Leute mögen und Dich als Typ sympathisch finden."

sid: "Sie trainieren im renovierten Sportforum im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen. Ein Vorteil?"

Steffen: "Natürlich kann man hier unglaublich gut trainieren. Vor allen Dingen, weil die langen Anfahrtswege wegfallen. Ich falle aus dem Bett und bin direkt in der Schwimmhalle. Die Voraussetzungen sind in allen Bereichen, gerade in der technischen Ausstattung, top."

sid: "Könnte das Leistungszentrum ein Garant für eine Olympia-Medaille sein?"

Steffen: "Es muss alles zusammenkommen. Du musst als Schwimmerin die genetische Veranlagung mitbringen und geistig voll dabei sein. Wenn das der Fall ist, dann hast Du die Möglichkeit, mit dieser Trainingsanlage etwas Großes zu erreichen. Aber ohne die richtige Einstellung kann man trotz der tollen Technik und leistungsdiagnostischen Betreuung keine Wunderdinge vollbringen."

sid: "Sie engagieren sich in einem Werbespot gegen Kinderarmut in Deutschland. War es Spaß oder Arbeit?"

Steffen: "Ich stand von morgens um fünf bis abends um acht Uhr vor der Kamera und dachte zwischendurch, ich habe keine Kraft mehr. Auf der anderen Seite wollte ich etwas Gutes tun. Wer das eine will, muss das andere mögen. Das ist wie im Sport: Wenn Du Erfolg haben willst, musst du viel trainieren und Zeit investieren."

sid: "Sie haben am Freitag Geburtstag und werden 24 Jahre alt. Werden Sie feiern?"

Steffen: "Kaum. Durch den Weltcup in Berlin und das Anti-Doping-Programm des Deutschen Schwimm-Verbandes bin ich am Freitag viel unterwegs. Es steht unter anderem eine Blutabnahme und eine Atemvolumenmessung an. Die Dopingkontrolle ist im Moment wichtiger als der Geburtstag."