2007.11.29 Neuss : Heidfeld: "Es muss alles passen"

Nick Heidfeld hat in der abgelaufenen Formel-1-Saison seine beste Leistung in der Motorsport-Königsklasse gezeigt. In einem aktuellen Interview blickt der Mönchengladbacher auf das kommende Jahr und die Weihnachtsferien.

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Nick Heidfeld

Nach der Ära Michael Schumacher ist Nick Heidfeld das deutsche Aushängeschild in der Formel 1. Im Jahr 2007 legte der Mönchengladbacher seine beste Saison auf den Asphalt. In einem aktuellen Interview wagt "Quick Nick" einen Rückblick und erläutert seine Ziele für die kommende Rennsaison.

sid: "Sie hatten 2007 ihre beste Saison in der Formel 1 und sind zum zweiten Mal Vater geworden. Was war die schönere Erfahrung?"

Nick Heidfeld: "Die wichtigere Erfahrung ist natürlich die, Vater zu werden. Das kann man mit nichts anderem auf der Welt vergleichen. Aber es war auch sportlich für mich eine fantastische Saison, die mir mehr Spaß gemacht hat als viele zuvor."

sid: "Wenn man Ihnen vor der Saison gesagt hätte, BMW-Sauber fährt beständig zumindest in Sichtweite von Ferrari und McLaren-Mercedes und bringt in jedem Rennen mindestens ein Auto in die Punkte und Sie holen 61 WM-Punkte: Was hätten Sie gesagt?"

Heidfeld: "Ich hätte das auf keinen Fall geglaubt. Speziell Renault hätte ich nach zwei Weltmeisterschaften stärker eingeschätzt. Ich hatte gehofft, dass wir Vierter werden. Aber dass wir Renault so klar schlagen und in jedem Rennen stärker sind als sie, hätte ich nicht gedacht. Wenn man auf das nächste Jahr schaut, ist der Zeitabstand nach vorne aber noch recht groß. Wir waren immer direkt hinter den zwei Top-Teams und hatten alle anderen sicher hinter uns. Das war für dieses Jahr super, aber für nächstes Jahr ist eine halbe Sekunde Rückstand noch eine Menge Holz."

sid: "Wenn BMW-Sauber das bisherige Entwicklungstempo hält, könnte man aber doch noch ein Stück näher rankommen, oder?"

Heidfeld: "Das ist unser Ziel. Wir sind zuversichtlich, dass wir die Vorgaben, die wir uns gesetzt haben, einhalten können. Aber wir wissen natürlich nicht, was die anderen machen."

sid: "Wo muss sich BMW-Sauber noch verbessern, um die Lücke nach ganz vorn zu schließen?"

Heidfeld: "Die Zeiten sind die eine Sache, die Punkte eine andere. Bei den Punkten haben wir in diesem Jahr am meisten darunter gelitten, dass wir zu viele Ausfälle hatten. Wir waren im Vergleich zu vielen anderen nicht schlecht, aber nicht gut genug, um ganz vorne mitzufahren, speziell um McLaren-Mercedes zu schlagen. Was die Rundenzeiten betrifft, ist die Aerodynamik das wichtigste. Aber wenn man ganz vorne fahren und gewinnen will, muss alles passen."

sid: "Sie haben den Neuaufbau des Teams von Anfang an mitbekommen. Hat das so funktioniert, wie Sie gedacht hätten, oder sind Sie selbst überrascht, wie schnell alles zusammengewachsen ist?"

Heidfeld: "Es ist alles optimal verlaufen. Man denkt natürlich, dass es am Anfang einige Probleme geben wird, die es in kleinerer Natur auch gab. Aber die sind zum Glück recht schnell erkannt und in die richtige Richtung gelenkt worden. Besser ging es bisher nicht."

sid: "Wie lautet das Ziel für das nächste Jahr?"

Heidfeld: "Mein Ziel ist recht einfach zu definieren, ähnlich wie in den Jahren zuvor: immer mit meiner Leistung zufrieden zu sein - und ich stelle recht hohe Ansprüche an mich selbst. Außerdem aus den Fehlern zu lernen und jede Runde so gut wie möglich hinzubekommen. Eine Zielsetzung in Form von Platzierungen ist schwieriger. Da bin ich als Fahrer natürlich vom Auto abhängig. Da hoffe ich, dass das eintritt, was BMW sich vorgenommen hat. Das wäre, ein Rennen zu gewinnen."

sid: "Beim hohen Anspruch an sich selbst: Wie viele Punkte auf einer Skala von eins bis zehn geben Sie sich für Überholmanöver wie dem in Bahrain auf der Außenbahn gegen Fernando Alonso?"

Heidfeld: "Ich glaube, das waren zehn Punkte. Das war auch für mich ein Highlight. Einen zweimaligen Weltmeister im vermeintlich besten Auto außen herum sauber zu überholen, das war schon geil. Über die ganze Saison immer die Zehn zu treffen, ist aber schwierig."

sid: "Gab es noch andere Highlights in dieser Saison?"

Heidfeld: "Ich hatte einige gute Qualifying-Runden und natürlich den zweiten Platz in Kanada. Der ist ein bisschen untergegangen durch Robert Kubicas Unfall und die 50 Safety-Car-Phasen. Speziell war, dass ich bis auf ein Auto alle geschlagen habe, den zweiten McLaren und beide Ferraris - und das hatte nichts mit dem Safety-Car zu tun."

sid: "Wie sehr hat sich das öffentliche Interesse an Ihnen verändert, nachdem Michael Schumacher zurückgetreten ist und Sie zur neuen deutschen Nummer eins geworden sind?"

Heidfeld: "Es hat sich dramatisch verändert. Das hat man schon früh nach Michaels Rücktritt gemerkt, aber durch die Tatsache, dass wir recht stark waren, war das Interesse um ein Vielfaches höher."

sid: "Im Gegensatz zu Lewis Hamilton müssen Sie nicht mehr in die Schweiz umziehen, Sie wohnen da schon seit längerer Zeit ..."

Heidfeld: "Ich glaube, das Interesse an ihm ist noch ein bisschen größer."

sid: "Sie mögen den Medienrummel eigentlich nicht. Wie schafft man es, sich dennoch damit zu arrangieren?"

Heidfeld: "Es gehört nun einmal zur Formel 1 dazu, auch PR-Arbeit zu machen und Interviews zu geben. Es kann aber über die Saison mal schwierig werden, wenn man viel Arbeit hat. Dann hat man manchmal vielleicht besseres zu tun."

sid: "Wie oft sind Sie in diesem Jahr auf Ihren Vollbart angesprochen worden?"

Heidfeld: "Die Hundert haben wir bestimmt voll."

sid: "Wie werden Sie den Rest des Jahres verbringen?"

Heidfeld: "Über Weihnachten und Neujahr ist üblicherweise frei. Wir haben nicht geplant, irgendwo hinzufahren. Wir bleiben zu Hause. Im Januar geht es dann schnell weiter. Am 14. Januar wird schon das neue Auto präsentiert. Der Winter ist für mich immer die Zeit, mein Fitnesstraining zu forcieren. Das ist bei mir anders als vielleicht bei einigen anderen Fahrern, die ein bisschen Winterspeck ansetzen."

sid: "Also kein Gänsebraten an Weihnachten?"

Heidfeld: "Doch, der Gänsebraten wird schon gegessen, aber dann auch wieder verbrannt."