2007.12.12 Neuss : Agostini: "In Italien ist das Umfeld idealer"

In einem Interview mit dem sid hat sich Motorrad-Rekordweltmeister Giacomo Agostini aus Italien unter anderem zur abgelaufenen Saison, seinem Nachfolger Valentino Rossi und dem Mangel an guten deutschen Piloten geäußert.

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Giacomo Agostini

Mit 15 WM-Titeln ist Giacomo Agostini der erfolgreichste Motorrad-Fahrer aller Zeiten. In einem Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) nimmt der 65-Jährige zur aktuellen Situation im Motorradzirkus, seinem italienischen Nachfolger Valentino Rossi und den fehlenden starken deutschen Piloten Stellung.

sid: "Herr Agostini, Sie waren dieser Tage auf der Essen Motor Show und sind überhaupt sehr oft in Deutschland. Was gefällt Ihnen hier so gut?"

Giacomo Agostini: "Ich habe hier viele Fans und viele Freunde. Es gibt tolle Rennstrecken wie den Nürburgring oder den Sachsenring. Oder tolle Messen wie in Chemnitz oder eben hier in Essen."

sid: "Noch vor drei Jahren sind Sie in einem Rahmenrennen auf dem Sachsenring gefahren. Wie finden Sie die Strecke dort?"

Agostini: "Das Beste am Sachsenring ist die Atmosphäre. Wirklich beeindruckend."

sid: "Ist es das beste Rennen im ganzen WM-Kalender, wie viele sagen?"

Agostini: "So deutlich würde ich das nicht sagen. Auch die spanischen Renn-Wochenenden sind immer etwas Besonderes. Oder das in Mugello in meiner italienischen Heimat. Und natürlich Assen. Assen ist toll."

sid: "Sehen Sie sich manchmal noch Rennen vor Ort an?"

Agostini: "Nein, das weniger. Maximal zwei oder drei im Jahr. Rennen sind etwas für die Jugend. Ich bin eher bei Messen, Ausstellungen, Sitzungen. Das passt eher zu meinem Alter."

sid: "Als Sie in den späten 60ern und 70er Jahren aktiv waren, gab es zahlreiche gute deutsche Fahrer. Heute leider nicht mehr. Wie erklären Sie sich das?"

Agostini: "Das ist oft ein Thema, aber eine richtige Erklärung dafür habe ich nicht. Zu meiner Zeit gab es vor allem Italiener, Engländer und Deutsche. Die Italiener sind immer noch da, es gibt plötzlich sehr viele sehr starke Spanier, wo es vor 15 Jahren noch fast überhaupt keine gab. Und dann gibt es plötzlich zahlreiche Australier. Engländer und Deutsche dagegen kaum noch."

sid: "Ist die Ausbildung in Deutschland zu schlecht?"

Agostini: "Das weiß ich nicht. Aber in Italien ist das ganze Umfeld idealer. Wir haben viele tolle Strecken - auch kleinere, die ideal zum Lernen sind. Wir haben große Hersteller, gute Nachwuchs-Schulen, und wir hatten durchgängig große Fahrer, die die Jugend sich zum Vorbild nehmen konnte. Ein nationaler Hero ist in jedem Land wichtig. Aber ich habe England und Deutschland nicht abgeschrieben. Es wird sicher wieder Zeiten geben, in denen sie große Fahrer hervorbringen."

sid: "Sie sind mit 15 Titeln der erfolgreichste Motorradfahrer aller Zeiten. Valentino Rossi hat derzeit sieben Titel. Haben Sie Angst, dass er Sie irgendwann überholt?"

Agostini (lacht): "Ich habe nach dem siebten Titel zu ihm gesagt: Du kannst gerne weiter Weltmeister werden. Aber wenn Du 14 hast, musst Du aufhören."

sid: "Sehen Sie in Rossi einen würdigen Nachfolger als Liebling der Fans in Italien und auf der ganzen Welt?"

Agostini: "Auf jeden Fall. Er hat den Sport unheimlich nach vorne gebracht. Die Zuschauerzahlen steigen, sowohl an den Strecken, als auch vor dem Fernseher."

sid: "Rossi ist das große Aushänge-Schild des Sports, ist aber nun zweimal in Folge nicht Weltmeister geworden. Was gab ihrer Meinung nach in diesem Jahr den Ausschlag gegen ihn und für Casey Stoner? War der Australier besser oder hatte er einfach das bessere Motorrad?"

Agostini: "Da gab es sicher viele Gründe. Mal sind die Reifen nicht so gut gewesen, dann ist er gestürzt, wie zum Beispiel auf dem Sachsenring. Und dann hatte er eben einen Gegner, der nicht nur eine gute Maschine und gute Reifen hatte, sondern auch sehr gut gefahren ist. Ich warne aber jeden davor, Rossi abzuschreiben. Wenn bei ihm alles passt, wird er auch wieder Rennen und Titel gewinnen. Stoner ist wirklich sehr gut, aber ich halte Rossi immer noch für den derzeit besten Fahrer."

sid: "Und wer ist für Sie der Fahrer der Zukunft?"

Agostini: "Da gibt es einige. Natürlich Stoner, aber auch Dani Pedrosa, Jorge Lorenzo oder Andrea Dovizioso."

sid: "Keine Deutschen?"

Agostini: "Mir fallen im Moment keine ein."

sid: "Vielleicht Stefan Bradl, der Sohn von Helmut Bradl?"

Agostini: "Bradls Sohn fährt in der WM? Ich habe noch nie von ihm gehört. Aber der Vater war gut, vielleicht schafft er es auch. Es wäre wichtig, dass eine große Motorrad-Nation wie Deutschland einen großen Fahrer hat."

sid: "Im Vorjahr wurden "aus Sicherheitsgründen" die Hubräume der MotoGP-Bikes von 990 auf 800ccm reduziert. War dies eine richtige Entscheidung?"

Agostini: "Ich war immer dafür, nichts zu ändern und habe immer dafür plädiert, es bei 500ccm zu belassen. Aber man wollte immer mehr, 1000 waren immer der große Traum. Jetzt ist man zurück auf die 800 gegangen, und vielleicht kommen ja irgendwann wieder die 500er zurück."

sid: "Sie sind inzwischen 65, fahren aber immer noch so oft es geht selbst Rennen. Wie halten Sie sich in Form?"

Agostini: "Ich sitze jeden Tag auf dem Motorrad und benutze es, wann immer es geht. Ich fahre damit zum Einkaufen oder ins Büro, mache Ausflüge. Ohne Motorrad kann ich nicht."

sid: "Und wie lange wollen Sie noch Rennen fahren?"

Agostini: "Keine Ahnung. Ich habe mir kein Ziel gesetzt. So lange ich Lust habe und mein Körper mitspielt, will ich es tun. Im Moment ist ein Ende jedenfalls noch nicht absehbar."