2008.02.07 Neuss : Löw: "Diese Mannschaft braucht Automatismen"

Im Interview analysiert Bundestrainer Joachim Löw den vor allem in der ersten Halbzeit schwachen Auftritt der deutschen Nationalmannschaft beim 3:0-Sieg in Österreich.

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War vor allem im ersten Durchgang zerknirscht: Joachim Löw

Im ersten Länderspiel des Jahres erreichte die deutsche Nationalmannschaft auf dem Weg zur EURO 2008 einen 3:0-Sieg bei Co-Gastgeber Österreich. Doch das Ergebnis täuschte über den Spielverlauf hinweg, ließ sich die DFB-Auswahl doch vor allem in der ersten Halbzeit von den Gastgebern den Schneid abkaufen. Im Interview analysiert Bundestrainer Joachim Löw den Auftritt seiner Elf in Wien.

Frage: "Joachim Löw, wie beurteilen Sie das 3:0 in Österreich zum Start ins EM-Jahr?"

Joachim Löw: "Wir müssen klar sagen, dass in der ersten Halbzeit nichts geklappt hat. Da haben uns die Österreicher vorgemacht, wie Kampfgeist aussieht. Da haben wir keinen Fußball gespielt, weder in der Offensive noch in der Defensive. Es hat sich jeder auf den anderen verlassen."

Frage: "Woran lag das?"

Löw: "Wir waren in den ersten 45 Minuten nicht in der Lage, Ruhe ins Spiel zu bringen, das Spiel zu kontrollieren. Wir haben viele Fehler gemacht im Spielaufbau, wir haben Fehler gemacht in der Organisation, auch in der Abstimmung. Wir haben aber auch Dynamik, Tempo und Laufbereitschaft vermissen lassen. Wichtig war aber, dass wir uns gesteigert und körperlich hochgeschaltet haben. So können wir mit dem Ergebnis und der zweiten Halbzeit schon zufrieden sein."

Frage: "Dennoch hatten Sie auch während der zweiten Hälfte einen Wutanfall auf der Bank. Warum?"

Löw: "Weil wir auch nach der Führung in manchen Situationen zu fahrlässig waren. Da muss man in der Lage sein, leichte Fehler zu vermeiden. Deshalb habe ich mich geärgert, weil wir nicht die Ruhe und Präsenz in unserem Spiel hatten."

Frage: "Was haben Sie den Spielern in der Pause erzählt?"

Löw: "Ich musste den Spielern klar machen, dass wir geistig und auch körperlich zulegen und ein anderes Tempo anschlagen müssen. Es war ja klar, dass Österreich läuferisch und kämpferisch alles in die Waagschale werfen wird. Dies wird uns am 16. Juni im Gruppenspiel noch verstärkt erwarten. Da wird noch eine ganz andere Power im Spiel sein."

Frage: "Haben Sie schon eine Erklärung, warum Ihre Mannschaft so schlecht begonnen hat?"

Löw: "Eine Erklärung dafür zu finden, ist schwierig. Die Winterpause war natürlich auch lang. Die Mannschaft ist auch nicht so reif, erfahren und gewachsen wie vor vielen Jahren. Wir haben viele junge Spieler dabei, da flackert in gewissen Situationen eine gewisse Nervosität wieder auf."

Frage: "Machen Sie sich in Richtung EM deshalb verstärkt Sorgen?"

Löw: "Diese Mannschaft braucht Automatismen. Und immer dann, wenn wir mehr Zeit in der Vorbereitung zur Verfügung hatten, waren wir spielerisch besser, waren kompakter und besser organisiert. Ich gehe deshalb relativ gelassen in Richtung EM. Ich weiß, dass wir in der Vorbereitung auf Mallorca genügend Zeit haben, permanent zu trainieren."

Frage: "Jens Lehmann leistete sich einige Patzer. Lag es an seiner fehlenden Spielpraxis?"

Löw: "Ich würde das bei Jens nicht darauf zurückführen, weil er ja schon bewiesen hat, dass er unheimlich konzentriert agieren und viel Ruhe ausstrahlen kann, auch wenn er ein paar Wochen keine Spielpraxis hatte. Er hatte einfach nicht die Sicherheit in einigen Aktionen."

Frage: "Werden Sie die Torwartfrage noch einmal überdenken?"

Löw: "Uns ist klar, dass Diskussionen aufkommen werden, wenn er einmal einen Fehler macht, aber wir haben Vertrauen zu ihm und wissen, wie wir mit der Situation umgehen müssen."

Frage: "Wie beurteilen Sie das Debüt von Heiko Westermann?"

Löw: "Er hat sehr engagiert gespielt. Es war nicht einfach für ihn nach nur einer Trainingseinheit. Es war zufriedenstellend."

Frage: "Was erwarten Sie von den Spielern bis zur EM?"

Löw: "Die Spieler stehen in den nächsten Wochen im Verein und in der Nationalmannschaft unter besonderer Beobachtung. Oliver Bierhoff hat ja eine Art Weckruf gestartet. Die Spieler wissen, dass von ihnen in den kommenden 14, 15 Wochen mehr verlangt wird als von einem normalen Bundesliga-Profi. Sie müssen noch mehr Training und Zeit investieren."