2008.02.20 Neuss : Beckenbauer: "Normalerweise ist Lehmann die eins"

In einem Interview mit dem Sport-Informations-Dienst hat sich "Kaiser" Franz Beckenbauer zur Lage der Fußball-Nation geäußert. Vor allem die Torwartfrage beschäftigt ihn.

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Franz Beckenbauer

Lob für Klaus Allofs, erneute Watschn für einige Bayern-Profis und ein Appell an Bundestrainer Joachim Löw: Franz Beckenbauer hat bei seinem jüngsten Bericht zur Lage der Fußball-Nation erneut kein Blatt vor den Mund genommen. Besonders die Torwartfrage in der Nationalmannschaft bereitet ihm zunehmend Sorgen, weil selbst der "Kaiser" derzeit kein Patentrezept zur Hand hat. Dennoch drängt er Löw zu einer Entscheidung.

sid: "Wenn Sie einen Champions-League-Abend wie den in Gelsenkirchen mit dem Spiel Schalke gegen Porto sehen, ist da mit Blick auf den FC Bayern im UEFA-Cup etwas Wehmut dabei?"

Beckenbauer: "Ja, sehr. Wenn ich mir die Spiele im UEFA-Pokal anschaue, da liegen Welten zwischen. Von der Atmosphäre bis zu den Plätzen sind das im UEFA-Cup viel schwierigere Verhältnisse. Deshalb tun sich die Bayern auch so schwer. Die haben jetzt drei, vier Jahre hintereinander Champions League gespielt, auf wunderbaren Teppichen und bei wunderbarer Atmosphäre, und jetzt plötzlich spielen sie auf einem holprigen Untergrund. Wenn ich mir das Spiel der Bayern in Aberdeen anschaue, dann denke ich manchmal, die Spieler nehmen das Ganze nicht so ernst. Aber man kann ihnen noch nicht mal einen Vorwurf machen. Das steckt im Unterbewusstsein drin. In der Champions League würde so etwas wahrscheinlich nicht passieren."

sid: "Wann beginnt denn, der UEFA-Cup interessant zu werden? Im Endspiel?"

Beckenbauer: "Vielleicht auch schon früher, warten wir es einmal ab."

sid: "Der FC Schalke ist der letzte deutsche Vertreter in der Champions League, ist er auch auf lange Sicht der größte Konkurrent der Bayern?"

Beckenbauer: "Ich denke schon. Wenn sie sich in 10 bis 15 Jahren von den finanziellen Fesseln des Stadions befreit haben, dann kann ich mir schon vorstellen, dass sie permanent die Spitze angreifen."

sid: "Klaus Allofs hat am Montag als Manager in Bremen verlängert. Wäre er die Idealbesetzung für die Nachfolge von Uli Hoeneß als Bayern-Manager gewesen?"

Beckenbauer: "Bis 2009, wenn der Uli aus seiner jetzigen Position raus will, kann noch viel passieren. Ihn zu ersetzen, ist schwierig. Wahrscheinlich müssen wir drei neue Leute einstellen. Was der arbeitet, ist übermenschlich. Aber wenn der Fall mal eintritt, wäre Klaus Allofs schon ein guter Nachfolger für ihn gewesen."

sid: "Die Frage, wer bei der EM die Nummer eins im deutschen Tor sein soll, wird in letzter Zeit heiß diskutiert. Jens Lehmann ist beim FC Arsenal kein Stammtorwart mehr, deshalb werden viele andere Namen gehandelt, zuletzt besonders der des Leverkuseners Rene Adler. Was ist Ihre Meinung?"

Beckenbauer: "Wenn Joachim Löw die Absicht hat, etwas im Tor zu verändern, dann wird es langsam Zeit. Es sind nicht mehr viele Spiele bis zur EM. Normalerweise ist Lehmann die Nummer eins, wenn er bei Arsenal kontinuierlich spielt. Aber das tut er nicht. Wenn er dann auch noch Fehler macht wie gegen Österreich, dann macht das die Aufgabe für den Bundestrainer nicht gerade einfacher. Es ist ein gefährliches Spiel."

sid: "Was würden Sie tun?"

Beckenbauer: "Ich will mich da nicht einmischen. Das ist allein Sache des Bundestrainers, und die Situation ist schwierig genug für ihn. Es ist eine sehr undankbare Aufgabe."

sid: "Gibt es denn generell Torhüter, die sofort für Lehmann einspringen könnten?"

Beckenbauer: "Sicher, für einige wäre ein Länderspiel nicht viel anders als ein Champions-League- oder UEFA-Cup-Spiel. Es geht einzig und allein um die EM und um den Bundestrainer, der wissen muss, ob er das Risiko eines Wechsels eingeht oder nicht."

sid: "Wäre eine Rückkehr von Oliver Kahn in die Nationalmannschaft nicht eine ungewöhnliche, aber durchaus sinnvolle Lösung?"

Beckenbauer: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Oliver mental noch bereit ist, so ein Spektakel mitzumachen. Natürlich gehört er nach wie vor zur Spitze, aber er ist zwei Jahre aus der Nationalmannschaft weg. Wenn wir wirklich Not am Mann hätten, nur dann wäre das ein Thema. Aber wir haben genug gute Leute, zum Beispiel Manuel Neuer. Im Moment macht er zwar noch ein paar Fehler, aber auf lange Sicht und von der Figur her steckt bei ihm schon etwas dahinter. Adler, Wiese und auch Rensing wären ebenfalls Kandidaten. "

sid: "Sie sind in den letzten Tagen von einigen Bayern-Spielern kritisiert worden. Phillip Lahm oder Willy Sagnol wissen nicht so recht, ob sie auf das Lob des Präsidenten Beckenbauer oder die Kritik des Kolummnisten Beckenbauer hören sollen ..."

Beckenbauer: "Ich habe als Bayern-Präsident wenig direkten Kontakt zur Mannschaft. Das was ich öffentlich schreibe und sage ist das, was ich sehe. Ob ich dies im Rahmen einer Kolumne tue oder wenn ich auf Fragen im Interview antworte, das macht keinen Unterschied. Ich kann aus einem schlechten Spiel kein gutes machen."

sid: "Muss der Kolumnist Beckenbauer sich etwas zurücknehmen, wenn der Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann heißt?"

Beckenbauer: "Auch dann kann ich nur das sagen und schreiben, was ich sehe. Das wird sich auch unter Jürgen Klinsmann nicht ändern."

sid: "Was halten Sie von der Lösung mit Klinsmann als Trainer?"

Beckenbauer: "Ich hab diese Lösung sofort verstanden. Das Modell mit Klinsmann gefällt mir gut. Er ist dynamisch, er ist jung, er kann einiges bewegen. Und natürlich wird er es anders machen als bei der WM, die nur fünf Wochen gedauert hat. Über ein Jahr lang kannst Du ja nicht immer das Gleiche erzählen."

sid: "Glauben Sie daran, dass Klinsmann den FC Bayern umkrempeln wird, wie er es mit der Nationalmannschaft gemacht hat?"

Beckenbauer: "Das Bild des FC Bayern in den letzten 40 Jahren war ja nicht so schlecht. Außerdem hat ja Ottmar Hitzfeld schon von Jürgens neuen Methoden profitiert. Er lässt die Spieler nach dem Spiel zum Beispiel im Entmüdungsbecken nicht mehr ins warme Wasser steigen, sondern ins kalte."