2008.03.04 Neuss : Gerüchte über Rücktritt von Ron Dennis nehmen zu

Die Anzeichen für ein Ende der Ära Ron Dennis als McLaren-Teamchef verdichten sich. Als Nachfolger wird bereits Geschäftsführer Martin Whitmarsh gehandelt.

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Rücktrittsgerüchte um Ron Dennis

In der zurückliegenden Saison gab es sie zu sehen, die ganz seltenen Momente, in denen Ron Dennis seine menschliche Seite zeigt. Im Zuge der Formel-1-Spionageaffäre ließ der 60-Jährige zweimal Gefühle in aller Öffentlichkeit zu: In Silverstone, als der McLaren-Teamchef ein flammendes Plädoyer für die eigene Integrität und die seines Rennstalls hielt. Langjährige Beobachter erklärten nach seiner Brandrede im neu eingeweihten Motorhome, so aufgewühlt, so emotional hätten sie den Briten noch nie gesehen.

Den anderen Gefühlsausbruch gab es in Monza nach dem Doppelsieg der Silberpfeile, nur wenige Tage bevor der Automobil-Weltverband FIA McLaren-Mercedes zu der Rekordstrafe von 100 Millionen US-Dollar und dem Abzug aller WM-Punkte in der Konstrukteurswertung verurteilte. Dennis weinte in Monza in den Armen seiner Frau Lisa.

Martin Whitmarsh als Nachfolger im Gespräch

Nun scheinen die Tage des zumeist kühlen Aufsteigers gezählt. Die Gerüchte um einen bevorstehenden Rücktritt des "Mister McLaren" reißen jedenfalls nicht ab. Als Nachfolger wird McLaren-Geschäftsführer Martin Whitmarsh gehandelt. Alle Beteiligten dementieren zwar, dass Dennis bereits beschlossen habe, zu weichen. Doch die Anzeichen für ein Ende seiner Ära mehren sich.

"Es gibt dazu keine Beschlüsse, nur Spekulationen", sagte Mercedes-Sportchef Norbert Haug der Stuttgarter Zeitung. Auch Dennis selbst hat in den vergangenen Tagen versucht, die Gerüchte zu zerstreuen. Es gebe keine Bestrebungen, ihn aus seinem Amt zu entfernen, sagte er.

Aber geht Dennis vielleicht von selbst? Aus seinem engsten Umfeld zitierte die Times einen Vertrauten: "Er wird nach Melbourne kommen. Er ist so entschlossen und konzentriert wie eh und je." Schnell kam die Frage auf: Wird er auch in der Funktion des Teamchefs beim Saisonauftakt am 16. März in Australien sein?

Vom Mechaniker zum Teamchef

Dennis gilt als Sphinx der Formel 1, als schwer durchschaubarer, pedantischer, ehrgeiziger und machtbewusster Strippenzieher, der es vom Mechaniker zum erfolgreichsten Teamchef der Königsklasse gebracht hat. Er gilt auch als größter Widersacher von FIA-Chef Max Mosley, genauso wie als Ziehvater von Shootingstar Lewis Hamilton.

Es würde zu Dennis passen, wenn er seine Laufbahn beendet, wie er sie angefangen hat - auf seine Weise. 1966, im Alter von 19 Jahren, begann der in Woking nahe London geborene Rolling-Stones-Fan und Freund des ebenfalls in Woking geborenen Status-Quo-Gitarristen Rick Parfitt als Mechaniker seine Motorsportkarriere.

1980 gab Dennis den Anschub zur Gründung von McLaren. Binnen weniger Jahre baute er ein Top-Team auf, Ende der Achtziger landete er mit der Verpflichtung der egozentrischen Stars Ayrton Senna und Alain Prost einen unvergessenen Coup. 1988 siegte das Duo bei 15 von 16 Grand-Prix-Rennen. Neun Fahrer- und sieben Konstrukteurs-Titel hat der Rennstall unter Dennis" Regie bislang gewonnen.

Ehe-Ende nach 22 Jahren

Doch nun könnte er selbst beenden, was er eigenhändig aufgebaut hat. Der Spionageskandal und die teaminterne Krise durch den Pilotenstreit zwischen Hamilton und dem zu Renault geflüchteten Fernando Alonso hat ihm offenbar mehr zugesetzt, als er nach außen zugeben will. Hinzu kommt die im Februar vollzogene Trennung des dreifachen Vaters von seiner Frau nach 22 Jahren Ehe.

Und dann ist da auch noch die Bestrebung von Mercedes, die bisher 40 Prozent Anteile in eine Mehrheit aufzustocken. Dennis wäre dann nicht mehr die Nummer eins im Rennstall - eine Rolle, mit der er sich kaum anfreunden dürfte.

"Ich mache Geschichte, und Sie schreiben darüber", hat Dennis einmal zu einer französischen Journalistin herablassend gesagt. Das könnte auch jetzt gelten. Die vielen Spekulationen und die unklare Lage um seinen möglichen Rücktritt passen zu dem, was sie in seiner Heimat England "Ronspeak" nennen. Dennis benutzt meist eine verklausulierte, verschachtelte Ausdrucksweise. Übersetzt könnte diese Geschichte dann ganz einfach beschrieben werden: Dennis geht.