2008.03.12 Neuss : Heidfeld: "Lücke nach vorne schließen"

In der Rennsaison 2008 gehen fünf deutsche Piloten in der Formel 1 an den Start. Im sid-Interview äußern sich Heidfeld, Rosberg, Vettel, Sutil und Glock über ihre Ziele.

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Nick Heidfeld will angreifen

Fünf deutsche Piloten geben in dieser Saison in der Formel 1 Gas. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) äußern sich Nick Heidfeld (Mönchengladbach/BMW-Sauber), Nico Rosberg (Wiesbaden/Williams-Toyota), Sebastian Vettel (Heppenheim/Toro-Rosso-Ferrari), Adrian Sutil (Gräfelfing/Force-India-Ferrari) und Timo Glock (Wersau/Toyota) zu ihren Zielen und WM-Favoriten für die kommende Rennsaison in der Motorsport-"Königsklasse".

sid: "Was sind Ihre Ziele in dieser Saison?"

Nick Heidfeld: "Ich will mich permanent verbessern, möglichst wenig Fehler machen und aus jeder Situation und jedem Rennwochenende das Beste herausholen. Das ist für mich das Wichtigste und das, woran ich mich selbst messe und worüber ich dann glücklich oder unglücklich sein kann. Als zweites kommt noch dazu, die Ziele des Teams zu verwirklichen, die natürlich auch meine Ziele sind: in diesem Jahr ein Rennen zu gewinnen und die Lücke nach vorne zu schließen."

Nico Rosberg: "Mich gegenüber dem vergangenen Jahr zu steigern, vielleicht ein Team vor uns zu schlagen, Renault oder BMW-Sauber, um Vierter in der Konstrukteurs-WM zu werden, und vielleicht das erste Podium."

Sebastian Vettel: "Im vergangenen Jahr habe ich sechs Punkte geholt. Wenn ich in diesem Jahr mehr holen kann, dann ist das ein Schritt nach vorne. Das Ziel ist eigentlich, an jedem Rennwochenende das Maximale aus dem Auto und aus mir herauszuholen, um im Rennen perfekt dazustehen. Ob das dann Platz acht, sprich in den Punkten, oder weiter hinten ist, wird sich zeigen. Wichtig ist, dass ich mit mir selbst nach jedem einzelnen Rennen zufrieden sein kann."

Adrian Sutil: "Ganz klar, ich will gegen meinen Teamkollegen gut ausschauen. Ich hoffe natürlich, am Ende der Saison vor ihm zu sein. Ich will die Rennen zu Ende fahren, das Maximale herausholen, mit meinem Team das Auto nach vorne und vielleicht ein paar Punkte nach Hause bringen."

Timo Glock: "Ich möchte so nah wie möglich im Qualifying an Jarno Trulli sein und eventuell konstant in die Punkte fahren."

sid: "Viele erwarten erneut einen Zweikampf zwischen Ferrari und McLaren-Mercedes. Wer ist Ihr WM-Favorit?"

Heidfeld: "Das ist auch meine Prognose. Aber man muss abwarten. Renault war zweimal hintereinander Weltmeister und ist zumindest für Weltmeister-Verhältnisse abgestürzt."

Rosberg: "Mein WM-Favorit ist Ferrari, weil sie in den Tests sehr stark schienen."

Vettel: "Vielleicht kann das eine oder andere Team für eine Überraschung sorgen. Vielleicht schafft BMW-Sauber den Anschluss, vielleicht kommt Renault zurück zu früherer Form. Aber ich glaube, dass man nicht daneben tippt, wenn Ferrari und McLaren ganz vorne einschätzt."

Sutil: "Ich denke, dass Ferrari die Nase vorn hat. Ich schätze sie stark ein. Man hatte im vergangenen Jahr am Ende der Saison auch schon gesehen, dass Ferrari immer stärker wurde und viele Siege eingefahren hat."

Glock: "Ferrari. Weil sie bei den Testfahrten sehr, sehr schnell und über die Distanz sehr konstant waren."

sid: "Worauf freuen Sie sich am meisten in diesem Jahr?"

Heidfeld: "Ich freue mich ganz besonders auf das erste Rennen, weil für mich die Winterpause einfach immer viel zu lang ist. Und dann natürlich auf die neuen Strecken."

Rosberg: "Auf das erste Rennen, Australien, Melbourne, die ganze Reise. Das wird bestimmt wieder sehr schön."

Vettel: "Darauf, dass ich an allen Rennen teilnehme und sonntags um zwei an der Ampel stehe."

Sutil: "Auf die neuen Strecken. Aber auch Hockenheim ist wieder im Kalender, was eine meiner Lieblingsrennstrecken ist. Drei neue Strecken im Kalender zu haben, finde ich cool."

Glock: "Eigentlich auf die ganze Saison und ganz speziell auf das erste Rennen."

sid: "Fünf Fahrer, zwei Autobauer, gute TV-Quoten - die Formel 1 boomt in Deutschland auch ohne Michael Schumacher. Überrascht Sie das?"

Heidfeld: "Ich hatte auf jeden Fall einen deutlicheren Rückgang erwartet, auch wenn ich nicht so schwarz gemalt hatte wie einige andere. In Deutschland waren die Zahlen gut, und wenn man sich das Ausland dazu anschaut, war es in vielen anderen Ländern sogar extrem gut. Michael hatte also in Deutschland einen größeren Einfluss als in anderen Ländern. Aber selbst in Deutschland und vor allem global ist die Formel 1 stark weitergewachsen."

Rosberg: "Ein bisschen überraschend ist das schon, dann aber auch wieder nicht. Denn es war im vergangenen Jahr eine gigantische Saison. Auch deutsche Aspekte waren vorne, ob es jetzt Teams oder Fahrer sind. Da macht es sicher weiter Spaß, zuzuschauen. Und als Sport ist es einfach weiterhin gigantisch."

Vettel: "Viele Leute hatten gesagt: Wie soll es in Deutschland mit der Formel 1 überhaupt weitergehen? Das Jahr eins nach Schumi, wurde schon geschrieben. Ich habe das damals schon relativ nüchtern gesehen. Ich denke, dass Leute, die Interesse und Faszination für den Motorsport haben und leidenschaftlich die Formel 1 verfolgen, das genau aus diesen Gründen tun. Der Hauptteil hat das Interesse nicht deshalb verloren, weil Michael aufgehört hat."

Sutil: "Ich hatte nie gedacht, dass es so extrem zurückgehen würde. Natürlich hat man gemerkt, dass auf den Tribünen deutlich weniger rote Flaggen und Mützen waren. Aber es hat sich alles ganz gut eingependelt. Es gab mehr Aufmerksamkeit für jeden einzelnen deutschen Fahrer. Ich glaube, dass wir das Loch gefüllt haben und es mit den Quoten noch weiter nach oben geht."

Glock: "Ich habe mich nicht darum gekümmert, ob die Zahlen mit oder ohne Michael Schumacher schlechter waren. Es ist aber in jedem Sport so, dass irgendwann mal die Abwechslung kommt. Und die kommt anscheinend auch in der Formel 1."

sid: "In dieser Saison ist die Traktionskontrolle verboten. Einige Ihrer Fahrerkollegen wollen deshalb aus Sicherheitsgründen Regenrennen boykottieren. Was sagen Sie dazu?"

Heidfeld: "Schwierigkeiten und Gefahren wird es mit Sicherheit geben, wahrscheinlich etwas größere im Regen. Aber für mich nicht in dem Rahmen, dass man es boykottieren oder als zu gefährlich ansehen müsste. Die Formel 1 ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Doch für mich überschreitet die Tatsache, dass wir jetzt ohne Traktionskontrolle fahren, nicht das gewisse Level an Gefahr, das man einfach eingeht. Ich kann nur betonen, dass ich denke, manche Rennen könnten abgebrochen werden - für mich zählt Fuji im letzten Jahr dazu - egal, ob mit oder ohne Traktionskontrolle. Aber ich freue mich darauf, ohne Traktionskontrolle zu fahren, auch im Regen."

Rosberg: "Boykottieren weiß ich nicht. Aber wir hatten es schon beim Testen in Jerez: Das Fahren im Regen ist wirklich kritisch. Es wird sicher schwierig, besonders wegen der Reifen. Die haben ein so kleines Temperaturfenster, und da kann man im Regen so schnell rausfallen."

Vettel: "Im vergangenen Jahr gab es auch mal Bedingungen, unter denen das Rennen nicht gestartet werden konnte, wie in Japan. Es ist immer schwierig, und ein gewisses Risiko hat man immer. Es haben ja auch Leute in der Vergangenheit geschafft, ohne Traktionskontrolle nicht von der Strecke zu kreiseln oder Unfälle zu bauen. Es wird kein großes Drama sein, und es wird möglich sein, im Regen zu fahren. Irgendwo ist halt der Punkt erreicht, an dem es zu gefährlich ist. Aber da spielt keine Rolle, ob man eine Traktionskontrolle hat oder nicht."

Sutil: "Es ist ganz sicher schwieriger und auch gefährlicher geworden. Ich war aber immer dafür, dass die Traktionskontrolle wegkommt. Für die kleinen Teams ist es die Chance, ein bisschen aufzuschließen, weil man nicht ganz so viel Geld in die Elektronik investieren muss. Fahrerisch finde ich es interessanter, das Auto bewegt sich mehr, man spürt es mehr. Es ist wieder richtiger Motorsport. Wir werden am Start sicher einige rauchende Autos mit durchdrehenden Rädern sehen, die dann auch quer aus den Kurven herauskommen. Es ist gut für den Sport und wird sicher für die Zuschauer viel interessanter sein. Und in der Formel 1 sollen die besten Rennfahrer der Welt fahren, die sollten das hinbekommen."

Glock: "Wenn man ein Rennen wie im vergangenen Jahr in Fuji hat, kann es ohne Traktionskontrolle schon gefährlich werden. Aber alle anderen normalen Regenrennen dürften kein Problem sein. Es wird mit Sicherheit schwieriger und auch mehr Unfälle, Dreher oder Fehler geben, aber das ist für jeden Fahrer gleich."