2008.03.17 Neuss : Steinbach spricht sich gegen Olympia-Boykott aus

NOK-Präsident Klaus Steinbach spricht sich gegen einen Olympia-Boykott aus. Der Ex-Schwimmer erlebte diese Situation am eigenen Leib, vor 28 Jahren musste er in Moskau zuschauen.

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NOK-Präsident Klaus Steinbach

Viele Erinnerungen werden wach, wenn von Olympia-Boykott in Peking die Rede ist. Der Sport möchte nicht, dass die Politik ihre Finger im Spiel hat und sich die Situation von Moskau im Jahre 1980 oder Los Angeles 1984 wiederholt. Aus diesem Grund wehrt sich der Sport in der Diskussion um einen möglichen Boykott der Olympischen Sommerspiele in Peking gegen die Vereinnahmung durch die Politik.

Auch NOK-Präsident Klaus Steinbach spricht sich gegen einen Boykott der Sommerspiele aus. "Ein Olympiaboykott gegen China wäre heuchlerisch, wenn gleichzeitig politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen am Leben blieben. Der Sport wäre das Bauernopfer", sagte der ehemalige NOK-Präsident Klaus Steinbach am Montag dem Sport-Informations-Dienst (sid). Der Ex-Schwimmer war bei den Spielen vor 28 Jahren zum Zuschauen verurteilt. Die Erinnerungen an den 23. April 1980, als eine Bundestagsmehrheit von 96 Prozent den Olympiaboykott beschloss, sind immer noch frisch. Die Folgen waren verheerend. In Moskau nahmen wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan nur 81 der 144 vom IOC anerkannten NOKs teil. Vier Jahre später in Los Angeles fehlten die Top-Athleten aus 18 NOKs der Ostblockstaaten.

Merkel: Keine Boykottforderungen durch die Politik

28 Jahre nach Moskau ist wegen Chinas Vorgehen gegen aufständische Tibeter mit mehreren Toten erneut die Diskussion um einen Olympiaboykott entbrannt. Doch anders als damals versucht die Politik, den Druck auf den Sport zu vermeiden. Boykottforderungen würden von der Regierung "ausdrücklich nicht geteilt", erklärte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Denn betroffen wären allein die Sportler, die sich seit Jahren auf Olympia vorbereiten. Bereits am Sonntag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Position in einem Zeitungsinterview vertreten.

Die Sportminister der 27 EU-Mitgliedsstaaten fürchten "größten Schaden" für den Sport durch einen möglichen Boykott. "Ich hoffe, dass Sport immer noch ein Instrument für einen interkulturellen Dialog ist", sagte Sloweniens Sportminister Milan Zver zum Auftakt einer Konferenz der Sportminister und der Nationalen Olympischen Komitees in Ljubljana/Slowenien.

Allerdings steckt der Sport in einem Dilemma, wie Jörg Roßkopf, zweifacher Olympia-Medaillengewinner im Tischtennis, eingesteht: "Aus sportlicher Sicht wäre ein Boykott für die Athleten ein Drama, weil viele Jahre der Vorbereitung vergeblich gewesen wären. Aus politischer Sicht aber ist es ja der Wahnsinn, angesichts der Probleme friedvolle und fröhliche Spiele in China zu propagieren, zumal die Tibet-Frage jetzt erst recht sicher gerade während der Spiele für Unruhe sorgen wird." Schon bei der Vergabe der Spiele nach Peking hätte man China unter Druck setzen müssen. Obwohl dies nicht geschehen ist, plädiert der viermalige Reit-Olympiasieger Ludger Beerbaum für Olympia in Peking bzw. Hongkong, wo die Reiter ihre Wettbewerbe austragen. "Ein Verzicht wäre so, als würde eine Fliege einen Elefanten ärgern, zumal Politik und Wirtschaft weiterhin mit China gut kooperieren", sagte Beerbaum.

Olympia-Komitee äußert sich vorerst nicht

Vom Olympiaboykott 1980 betroffen war auch die zweimalige Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Nasse Meyfarth. "Ich bin ein gebranntes Kind. Schon damals hat sich gezeigt, dass ein Boykott nichts bringt. Der Sport sollte sich aus der Politik fernhalten", erklärte sie. Bei den Aufständen in der vergangenen Woche in Tibet soll es nach Angaben der tibetischen Exil-Regierung in Dharamshala/Indien rund 80 Tote gegeben haben, während China davon sprach, dass Aufständische 13 "unschuldige Zivilisten" ermordet hätten. Mehrere NOK"s, darunter das von Australien, bekräftigten, an den Spielen teilnehmen zu wollen.

Das Olympia-Organisationskomitee (BOCOG) in Peking lehnte derweil einen Kommentar zu der Diskussion um die Sommerspiele vom 8. bis 24. August ab. "Dazu sagen wir nichts. Wir kontaktieren Sie, wenn sich an dieser Position etwas ändert", erklärte Li Zhanjun, Direktor des BOCOG-Mediencenters.