2008.03.19 Neuss : Haug: "Hamilton bleibt Realist"

Sportchef Norbert Haug äußert sich im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) zur aktuellen Situation bei McLaren-Mercedes nach dem Sieg beim Großen Preis von Australien.

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Mercedes-Sportchef Norbert Haug

McLaren-Mercedes hat mit dem Sieg von Lewis Hamilton beim Großen Preis von Australien zum Auftakt der neuen Formel-1-Saison einen Traumstart hingelegt. Mercedes-Sportchef Norbert Haug äußert sich im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) zur aktuellen Situation bei den Silberpfeilen.

sid: "War der Traumstart die richtige Antwort auf alle Dinge, die 2007 vorgefallen sind?"

Norbert Haug: "Es war ein guter Start. Dass das Safety Car einen Doppelsieg verhindert hat, verschmerzen wir. Es gab dafür ein Podium mit Lewis und Mercedes, Nick und BMW und Nico mit Williams. Das war zum Auftakt bei einem klasse Rennen mega gut und bestimmt mehr als die deutschen Formel-1-Interessierten - genauso wenig wie alle, die auf dem Podium standen - erwarten konnten."

sid: "War Melbourne so etwas wie ein Neuanfang?"

Haug: "Wir haben - Melbourne letzten Sonntag inklusive - neun der letzten 17 Rennen gewonnen. Nach der Saison 2006 ohne Sieg haben wir vor einem Jahr in Malaysia wieder angefangen zu gewinnen und seither mehr als die Hälfte aller seitherigen Rennen als Sieger beendet. Hoffentlich ist Malaysia deshalb auch am kommenden Wochenende ein gutes Pflaster für uns."

sid: "Hat Lewis Hamilton das Zeug dazu, irgendwann in die Liga eines Ayrton Senna oder Michael Schumacher aufzusteigen?"

Haug: "Darüber mache ich mir keine Gedanken. Aber ich bin sicher, dass Lewis die Möglichkeiten, die ihm unser Team gibt, nutzen wird. Hoffentlich weiter so treffsicher wie bei seinen ersten 18 Formel-1-Rennen, von denen er fünf gewonnen."

sid: "Wie geht Lewis mit dem Druck um, jetzt der WM-Favorit, also der Gejagte, zu sein?"

Haug: "Lewis selbst beschreibt diese Anspannung bestens damit, dass er seinen Traum lebt. Und er bleibt dabei Realist."

sid: "Wie schützen Sie ihn vor dem ganzen Rummel, damit er sich aufs Rennfahren konzentrieren kann?"

Haug: "Lewis schützt sich selbst und das gilt genauso für Heikki. Beide wollen mit jeder Faser ihres Körpers Formel-1-Rennen fahren. Und beide wollen dabei wie alle im Team nur das eine. Das klappt nicht immer - aber seit einem Jahr in Malaysia immer öfter. Seither hat das Team mehr als die Hälfte aller Rennen gewonnen."

sid: "Was sagen Sie zur Formel Deutsch, Mercedes vor BMW, und zwei deutsche Fahrer auf dem Podest?"

Haug: "Geht es besser? Toll, hoffentlich geht die Saison so weiter, wie sie in Australien begonnen hat."

sid: "Vor allem Rosberg wurde in den höchsten Tönen gelobt. Sehen Sie in ihm einen kommenden Weltmeister?"

Haug: "Es ist viel zu früh, um darüber zu reden. Nico hat in Melbourne sein erstes Formel-1-Podium verdient herausgefahren. Nico gehört wie Lewis, Heikki und Nick aus meiner Sicht zu den Fahrern, die Siege erringen werden, wenn sie dazu die technische Basis mit siegfähigem Auto und siegfähigem Team erhalten."

sid: "Ferrari hat völlig versagt. War Melbourne nur ein einmaliger Ausrutscher?"

Haug: "Ich bin sehr sicher, dass dieses erste Rennen ein Ausrutscher des Weltmeisters war. Was ich ganz besonders schlecht finde ist, wenn nach diesem Auftaktrennen der neue Teamchef Stefano Domenicali kritisiert wird. Stefano und seine Techniker bilden seit vielen Jahren die Basis aller Ferrari-Siege. Seine Mannschaft ist stark genug, um am nächsten Sonntag in Malaysia um den Sieg zu fahren."

sid: "BMW war die positive Überraschung. Kann das Team für Mercedes sogar ein Konkurrent im Titelrennen werden?"

Haug: "Ganz klar: Ja. BMW hat seine Formel-1-Kampagne 1997 angekündigt und dabei das Ziel ausgegeben, dass man Weltmeister werden will. Seither wird mit allem Einsatz an dieser Zielsetzung gearbeitet."

sid: "Was können wir in Malaysia erwarten? Wieder eine Gala-Vorstellung der Silberpfeile?"

Haug: "Am liebsten ja. Aber Malaysia hat mit Melbourne zunächst mal nur den Anfangsbuchstaben gemein. Ich werde für das Wochenende sicher keine Galavorstellung der Silberpfeile ankündigen. Das haben wir auch vor Melbourne nicht getan - so wenig wie Ferrari. Dort weiß man so gut wie bei uns, dass in der Formel 1 zwischen Hero und Zero manchmal nur der alles entscheidende Millimeter liegt."