2008.05.16 Neuss : Hitzfeld: "Habe wieder Freude am Job gefunden"

Am Samstag endet für Ottmar Hitzfeld seine zweite Amtszeit als Trainer von Bayern München. Im aktuellen Interview blickt der Erfolgscoach auf bewegte Jahre an der Isar zurück.

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Ottmar Hitzfeld nimmt Abschied

Noch einmal gibt der General das Kommando, dann ist auch die zweite Ära Ottmar Hitzfeld bei Bayern München beendet. Mit dem Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal verabschiedet sich der Erfolgstrainer am Samstag vom deutschen Rekordmeister. "Ich freue mich seit langem auf diesen Tag, auf einen erfolgreichen Abschied", sagt der Coach im Interview.

Frage: "Herr Hitzfeld, am Samstag sitzen Sie zum letzten Mal als Bundesliga-Trainer auf der Bank. Wie blicken Sie diesem Tag entgegen?"

Ottmar Hitzfeld: "Ich freue mich seit langem auf diesen Tag, auf einen erfolgreichen Abschied. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass alles so erfolgreich verlaufen ist. Ich möchte mir gar nicht ausdenken, was alles hätte passieren können, ich hätte auch entlassen werden können. Das wäre ein trauriger Abschied gewesen. Nochmal das Double zu holen ist eine große Bereicherung meines Lebens."

Frage: "Ist Ihre Entscheidung, sich vom Vereins-Fußball zu verabschieden, unumstößlich oder halten Sie es für möglich, dass es Sie doch nochmal reizen könnte?"

Hitzfeld: "Otto Rehhagel hat mal gesagt, mit 55 ist Schluss, und ich weiß nicht, wie alt er jetzt ist (69, d. Red.), und er ist immer noch Trainer. Aber ich hoffe, dass ich vernünftiger bin. Ich habe mich ja selbst überlistet, als Uli Hoeneß Ende Januar 2007 anrief: Ich habe innerhalb einer Sekunde Ja gesagt. Hätte ich eine Nacht überlegt, hätte ich den Job nicht angenommen, weil ich ausgebrannt war 2004 und zwei Jahre gebraucht habe, um mich zu erholen. Und das wollte ich mir eigentlich nicht mehr antun. Aber die vergangenen eineinhalb Jahre waren sehr schön, ich habe nicht diesen Druck gespürt, ich habe wieder Freude an meinen Job gefunden. 2003 haben wir das Double geholt, und ich war eigentlich traurig, ich war nicht mehr in dieser Stimmung, habe mich nicht mehr so richtig gefreut, weil ich ausgelaugt war."

Frage: "Und wenn Uli Hoeneß Sie nochmal auf Knien anflehen würde..."

Hitzfeld: "Nach menschlichem Ermessen und wenn ich weiter vernünftig handele, dann werde ich nicht mehr Bundesliga-Trainer. Und ich gehe davon aus, dass Klinsmann einen neuen Lebensabschnitt bei Bayern beginnt und einige erfolgreiche Jahre vor sich haben wird. Er hat ja eine super Mannschaft."

Frage: "Was kann diese Mannschaft in der kommenden Saison erreichen?"

Hitzfeld: "Das ist eine Mannschaft, die auch in der Champions League unter die letzten Vier kommen kann. Im UEFA-Cup haben wir uns auch vieles schön geredet. Es ist einfacher Champions League zu spielen für den FC Bayern. Das ist das Maß aller Dinge, da wird man bewertet und das ist auch die große Motivation der Spieler. Man hat ja viele Nationalspieler, und die brauchen die großen Gegner und die großen Namen. In der nächsten Saison hat man die Mannschaft, um auch in Europa mit um die Krone zu spielen."

Frage: "Sie haben davon gesprochen, dass Sie nach Ihrer ersten Ära bei Bayern ausgebrannt waren. Was ist das belastendste am Trainer-Job?"

Hitzfeld: "Dass man immer wieder Entscheidungen treffen muss. Als junger Trainer ist man das ja gar nicht gewohnt. Ich war Fußballspieler und dann wirst du Trainer. Und dann hast du 20 Spieler um dich rum und musst die Aufstellung machen. Und keiner kann dir helfen, und du willst dir auch nicht helfen lassen, weil du selbst den Kopf hinhalten musst. Deswegen habe ich auch nie um Rat gefragt, sondern immer selbst die Entscheidungen gefällt, wer spielt, wer sitzt auf der Bank, wer muss auf die Tribüne - das hat mich unheimlich viel Kraft und Überwindung gekostet. Ich habe in meinen ersten Trainerjahren schlaflose Nächte gehabt."

Frage: "Hat sich das im Laufe der Jahre geändert?"

Hitzfeld: "Heute ist das automatisiert durch den Erfahrungsschatz, und ein bisschen offener bin ich geworden, habe auch mal andere Meinungen erfragt. Aber Sympathie, Antipathie - alles darf keine Rolle spielen, man braucht schwierige Typen in einer Mannschaft, ein paar Hitzköpfe, ein paar Egoisten. Aber es dürfen nicht zu viele sein. Das ist immer ein spannender Prozess. Man steht in diesem Job im Mittelpunkt des Interesses. Bei Bayern hat man Millionen von Fans, die auch die Mannschaft aufstellen wollen - aber das gehört zu meinem Job."

Frage: "Wie waren Ihre Anfänge als Trainer?"

Hitzfeld: "1983 habe ich einen Vertrag beim FC Zug unterschrieben, bei einem Präsidenten, der ein Chaot war, ein Spinner. Der hatte aber eine gute Mannschaft aufgebaut und hat mir fünf neue Spieler versprochen. Am letzten Tag hat er nochmal fünf Neue dazugekauft, dann hatte ich zehn neue Spieler. Wir haben ein Projekt gehabt, in drei Jahren wollen wir aufsteigen. Und nach dem dritten Spiel hat er gesagt: Wir müssen in diesem Jahr wieder aufsteigen, von der zweiten in die höchste Liga. Ein paar Mal waren wir uns an der Gurgel in der Kabine, weil er die Spieler beschimpfte."

Frage: "Was war Ihr einschneidendstes Erlebnis bei den Bayern?"

Hitzfeld: "Als Franz Beckenbauer uns in Lyon kritisiert hat - aber das war ein Säuseln im Walde gegenüber dem, was ich in Zug mit dem Werner Hofstetter erlebt habe. Nach dem Jahr Zug war Bayern eigentlich eine Oase. Und rein sportlich: Der Schuss von Patrik Andersson zum 1:1 in Hamburg (mit dem die Bayern 2001 Schalke 04 in letzter Sekunde die Meisterschale entrissen, d. Red.)."

Frage: "Worauf freuen Sie sich in Ihrem neuen Lebensabschnitt als Schweizer Nationaltrainer am meisten?"

Hitzfeld: "Darauf, statt 60, 70 Spielen nur 15 im Jahr zu haben. Und auch mal wieder einen Sonntagmorgen zu Hause zu bleiben und nicht an die Säbener Straße zu fahren, wie jetzt ein halbes Jahr am Stück. Dass ich mal der Musik lauschen kann, ohne Aufstellungsgedanken zu wälzen. Und ich werde sicherlich mehr reisen. Städte besuchen, wo ich nicht nur vom Flughafen zum Hotel oder Stadion fahre, sondern auch mal Sehenswürdigkeiten anschauen, mit meiner Frau oder meinem Sohn."

Frage: "Ist bei Ihrem Abschied auch Wehmut dabei und geht Ihnen das sehr nahe?"

Hitzfeld: "Es wird kein Wehmut dabei sein. Ich habe diese Entscheidung bewusst getroffen, und mein Blick geht nach vorne. Ich bin nicht nostalgisch, sondern zukunftsorientiert. Bis jetzt gab es noch keine Tränen. Aber ich muss immer auf die Zähne beißen, weil ich da schon sensibilisiert bin für solche Momente. Das wird sicherlich schwierig. Ich hoffe, dass ich das schaffe."