2008.05.16 Neuss : Löw holt Marin, Adler ersetzt Hildebrand

Der Gladbacher Marko Marin ist die große Überraschung im vorerst 26-köpfigen Kader für die EM 2008. Bundestrainer Joachim Löw gab Keeper Rene Adler den Vorzug vor Timo Hildebrand.

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Sorgte für Überraschungen: Bundestrainer Joachim Löw

Marko Marin und Rene Adler gehen mit auf die Bergtour, Timo Hildebrand ist dagegen schon brutal abgestürzt: Auf Deutschlands höchstem Gipfel begannen am Freitagmittag möglicherweise zwei vielversprechende Karrieren in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Eine andere endete, bevor sie richtig angefangen hat.

In der 2962 Meter hoch gelegenen gläsernen Panorama-Lounge auf der Zugspitze läutete Bundestrainer Joachim Löw bei Außentemperaturen von null Grad die "Bergtour" 2008 mit einem Paukenschlag ein, als er den Namen des erst 19-Jahre alten Mönchengladbachers Marin bei der Bekanntgabe seines 26-köpfigen vorläufigen Aufgebotes für die EM-Endrunde in Österreich und der Schweiz (7. bis 29. Juni) nannte.

"Marko Marin hatten wir schon länger auf der Liste, das hat nichts mit dem Ausfall von Bernd Schneider zu tun. Nach jeder Beobachtung kamen positive Rückmeldungen. Mich hat er am vergangenen Sonntag beim Spiel gegen Wehen überzeugt, als ich selbst auf der Tribüne saß. Er ist besonders in Eins-zu-eins-Situationen stark und frech. Diese Stärke wollen wir nutzen", begründete Löw seine Entscheidung zugunsten des Youngsters, der maßgeblich zum Bundesliga-Aufstieg von Borussia Mönchengladbach beigetragen hatte.

Marin "konnte es kaum glauben"

"Ich bin überglücklich und konnte es kaum glauben. Das muss ich alles erst einmal verarbeiten. Ich bin auf die zwölf Tage auf Mallorca gespannt, sagte Marin, der für die U21 bislang fünf Spiele bestritt.

Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann hatte vor der WM 2006 in Deutschland für eine ähnliche Überraschung gesorgt, als er den damaligen Dortmunder David Odonkor aus dem Hut zauberte. Der Offensvivspieler von Betis Sevilla gehört auch diesmal wieder zum Aufgebot für die EM-Endrunde (7. bis 29. Juni).

Die Berufung von Adler, neben Oliver Kahn in der zu Ende gehenden Bundesligasaison der herausragende Torhüter der Liga, kam nicht ganz so überraschend. Der Nominierung des 23 Jahre alten Leverkusener Schlussmanns, die unter anderem auch Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer gefordert hatte, fiel überraschend Timo Hildebrand vom FC Valencia zum Opfer, der bei der WM 2006 die Nummer drei und anschließend die Nummer zwei hinter Jens Lehmann war. Als dritter Torwart wurde Hannovers Robert Enke aufgeboten.

Löw, der in der "T-Frage" vor allem auf den Rat von Bundestorwarttrainer Andreas Köpke gehört hat, wollte sich aber nicht auf eine neue Reihenfolge bei den Torhütern festlegen und ließ auch die Zukunft von Hildebrand in der Nationalelf offen. Der ehemalige Stuttgarter Keeper habe auf die Ausbootung "zutiefst enttäuscht" reagiert, berichtete der Bundestrainer bei der spektakulären Kader-Präsentation, die von 7 TV-Sendern live übertragen und von 110 Medienvertretern vor Ort verfolgt wurde. "Ich bin überrascht, geschockt, auch irritiert. Klar bleibt mir jetzt nichts anderes übrig, als diese Entscheidung so hinzunehmen wie sie ist. Und selbstverständlich muss ich sie auch akzeptieren. Aber verstehen oder gar nachvollziehen kann ich sie nicht", erklärte Hildebrand später auf seiner Homepage.

Zum vorläufigen Aufgebot, auf das Löw erstmals seit Teamchef Beckenbauer ("Mein größter Fehler") vor der WM 1986 in Mexiko wieder setzt, zählen auch die beiden Zweitligastürmer Oliver Neuville von Borussia Mönchengladbach und Patrick Helmes vom 1. FC Köln, die mit ihren Vereinen die Bundesligarückkehr perfekt gemacht haben. Eine kleine Überraschung ist die Nominierung des Schalker Mittelfeldspielers Jermaine Jones, der bislang nur ein Länderspiel absolviert hat. Das Comeback des Noch-Bremers und künftigen Münchners Tim Borowski entsprach dagegen den Erwartungen.

Löw setzt auf 15 WM-Spieler

Löw nominierte insgesamt 26 Spieler, die sich ab Montag im Trainingslager auf Mallorca vorbereiten. Im vorläufigen Kader mit einem Durchschnittsalter von 25,38 Jahren stehen 15 Profis, die auch schon bei der WM 2006 in Deutschland dabei waren. DFB-Kapitän Michael Ballack, der am Mittwoch noch mit dem FC Chelsea im Champions-League-Finale gegen Manchester United steht, und Christoph Metzelder, der mit Real Madrid noch ein Freundschaftsspiel in Saudi-Arabien bestreitet, werden erst Ende nächster Woche in Palma erwartet, wo die deutschen Spieler in den ersten vier Tagen von ihren Familien begleitet werden.

Das vorläufige EM-Aufgebot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft:

Tor: Jens Lehmann (FC Arsenal), Robert Enke (Hannover 96), Rene Adler (Bayer Leverkusen)

Abwehr: Christoph Metzelder (Real Madrid), Per Mertesacker (Werder Bremen), Philipp Lahm (Bayern München), Arne Friedrich (Hertha BSC Berlin), Marcell Jansen (Bayern München), Clemens Fritz (Werder Bremen), Heiko Westermann (Schalke 04)

Mittelfeld: Michael Ballack (FC Chelsea), Thomas Hitzlsperger (VfB Stuttgart), Simon Rolfes (Bayer Leverkusen), Torsten Frings (Werder Bremen), Bastian Schweinsteiger (Bayern München), Piotr Trochowski (Hamburger SV), Tim Borowski (Werder Bremen), Jermaine Jones (Schalke 04), David Odonkor (Betis Sevilla), Marko Marin (Borussia Mönchengladbach)

Angriff: Miroslav Klose (Bayern München), Lukas Podolski (Bayern München), Mario Gomez (VfB Stuttgart), Kevin Kuranyi (Schalke 04), Patrick Helmes (1. FC Köln), Oliver Neuville (Borussia Mönchengladbach)