2008.05.17 Neuss : Ein Charakterkopf nimmt seinen Hut

Oliver Kahn bestreitet heute sein 557. und letztes Bundesliga-Spiel. Bayern München und der deutsche Fußball verlieren eine Symbolfigur.

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Oliver Kahn verabschiedet sich aus der Bundesliga

Knapp sechs Jahre ist er jetzt her, der Wendepunkt seiner Karriere: Oliver Kahn saß auf dem Rasen, lehnte am Pfosten und blickte ins Leere. Kurz zuvor war der beste Spieler der Weltmeisterschaft noch der "Titan", der "King Kahn" - jetzt, nach seinem Fehler im Finale gegen Brasilien, nur noch ein trauriger Mensch.

"Die Tragik des Torhüterspiels" zeige diese Szene, sagt Kahn im Rückblick, und zugleich den anspornenden "Kitzel, zwischen Held und Versager zu schweben". Der stete Aufstieg zum Übermenschen war vorbei. Nun sagt der dreimalige Welttorhüter, Europameister, Champions-League- und UEFA-Cup-Sieger, achtmalige deutsche Meister und sechsmalige Pokalsieger Servus.

Ein Fehler als Signal

Die bittere 0:2-Niederlage, eingeleitet durch Kahns einzigen Patzer im Turnier, als er Rivaldos Schuss abprallen ließ und Ronaldo einschob, kennzeichnete nicht den Beginn eines Abstiegs, sondern den einer Wandlung. "Der Fehler im Finale sollte mir zeigen, dass irgendetwas an meinem Weg nicht in Ordnung ist", sagte Kahn dem Spiegel. Als er die Korrektur, die Flucht aus dem unendlichen Tunnel Fußball, vorgenommen hatte, "ging es mir besser".

Heute gegen Hertha BSC (15.30 Uhr/live bei Premiere) wird Oliver Kahn sein 557. und letztes Bundesliga-Spiel erleben - und bei seinem Abschied die ganze Zuneigung aufsaugen, die ihm in seiner beeindruckenden Karriere erst spät zuteil wurde. Kapitän Kahn geht - Bayern München und der deutsche Fußball verlieren eine Symbolfigur. Ob er Angst vor der eigenen Rührung habe, wurde Kahn gefragt: "Nein, dann weine ich halt."

Die Elogen auf eine Weltkarriere, auf 20 Jahre Ehrgeiz, Erfolge und besondere Momente sind ihm gewiss. "Wir hatten viele gute Spieler - Stefan Effenberg, Lothar Matthäus -, aber für den Stellenwert, sportlich und in der Außendarstellung, war Kahn der wichtigste Mann", sagte jüngst Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

"Lebende Legende" und "elder statesman"

Als "lebende Legende" und eine der "größten Persönlichkeiten, die es jemals im deutschen Sport gab", bezeichnete Trainer Ottmar Hitzfeld den ehemaligen Karlsruher, der in seiner Laufbahn - abgesehen vom WM-Pokal - alle Titel gewonnen hat und auch abseits des Rasens mit Eloquenz überzeugte.

Merkwürdig sei es, meint Kahn, dass vor allem die negativen Erlebnisse haften geblieben seien. Die 1:2-Niederlage in der Nachspielzeit im Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United oder sein Fehlgriff im WM-Finale 2002. Aber auch seine Ausraster wie der Kung-Fu-Sprung gegen Stephane Chapuisat und der Halsbiss gegen Heiko Herrlich - zwei Aktionen in einem Spiel, die später auch bei Kahn die Frage aufwarfen: "Wozu habe ich mich von der Emotion des Fußballs führen lassen?"

Der einst vom Ehrgeiz regelrecht zerfressen wirkende Kahn klang zuletzt immer mehr wie ein "elder statesman" (Manager Uli Hoeneß) - gelassen, in sich ruhend, reif. "Dieser ewige Druck fällt weg, die Nummer eins sein zu müssen", sagte er zu Beginn seiner letzten Saison, "befreit und beflügelt" fühle er sich: "Ich habe gelernt, Zufriedenheit nicht mehr von Paraden und Titeln abhängig zu machen."

In die Herzen der Fans

Was mit seinem Fehler im WM-Finale 2002 begonnen hatte, fand im verlorenen Kampf gegen Jens Lehmann um die Nummer eins in der Nationalmannschaft bei der WM 2006 seinen Abschluss: Kahn akzeptierte die harte Entscheidung des damaligen Bundestrainers und künftigen Bayern-Coaches Jürgen Klinsmann, setzte sich als Ersatzmann auf die Bank, gab Konkurrent Lehmann vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien Zuspruch und eroberte nicht als erfolgsbesessener Torwart, sondern mit seiner menschlichen Seite die Herzen der Fans.

"Die Erfahrung, dass man nicht immer nur auf dem Platz stehen und gewinnen muss, um wirklich erfolgreich zu sein, war sehr befreiend", sagt Kahn heute: "Auf einmal spürte ich Sympathien der Menschen, wie ich sie so nicht kannte." Scheinbar habe es "eine große Diskrepanz gegeben zwischen dem Menschen und dem Torwart Oliver Kahn". Es habe ihn schon sehr beeindruckt, wie "die Menschen mir über die vielen Niederlagen nähergekommen sind".

Kahn war stets respektiert bis gefürchtet als Weltklasse-Torwart, doch erst als Verlierer war er beliebt. Sein 86. und letztes Länderspiel bei der WM gegen Portgual um Platz drei geriet zur Huldigung der Karriere eines anderen Stars, der nicht zum Pop-Idol aufstieg, sondern zu einem einzigartigen, zuweilen tragischen Helden.

Neuer Rekord ist noch möglich

Doch Kahn wäre nicht Kahn, gäbe es für ihn nicht auch in seinem letzten Pflichtspiel sportliche Ziele. Nach den denkwürdigen Triumphen wie der Last-Minute-Meisterschaft 2001 und drei Tage später dem Gewinn der Champions League geht es für ihn bis zur letzten Minute "weiter, immer weiter", wenn auch gedämpft und ohne Druck.

Den Gegentor-Rekord der Bundesliga, aufgestellt durch Werder Bremen mit Oliver Reck in der Saison 1987/88 (22), will der Keeper noch brechen. Einen Treffer darf er noch kassieren. Und dann ist da ja noch der Wunsch, selbst ein Tor zu schießen, ehe er dem Fußball zumindest vorerst den Rücken kehrt, um auf einer Schiffsreise durchs Mittelmeer Abstand zu gewinnen.

Respekt habe er davor, "wenn ich plötzlich den Stecker rausziehe, aber keine Angst". Konkrete Pläne für die nähere Zukunft gibt es keine: "Ich plane momentan gar nichts, sondern werde erstmal versuchen, die Übergangsphase zu bewältigen, die sicher das eine oder andere Jahr dauern wird."

Kahn geht - die Bundesliga verliert einen Charakterkopf.