2008.05.20 Neuss : Abdullajew: "Sind Deutschland noch etwas schuldig"

Der Präsident des Fußball-Verbandes Aserbaidschans (Affa), Rownag Abdullajew, spricht im sid-Interview über die Visionen, die der neue Nationaltrainer Berti Vogts vermitteln soll.

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Rownag Abdullajew hat Berti Vogts als Trainer verpflichtet

Rownag Abdullajew hat den ehemaligen deutschen Europameister-Coach Berti Vogts als Nationaltrainer ans Kaspische Meer gelockt. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) spricht der Präsident des Fußball-Verbandes Aserbaidschans (Affa) über die Vorzüge der deutschen Fußball-Schule, Aserbaidschans Schuld am Wembley-Tor 1966 und die Visionen, die Berti Vogts vermitteln soll.

sid: "Herr Abdullajew, wie kam es dazu, dass Sie mit Berti Vogts einen deutschen Trainer nach Aserbaidschan geholt haben?"

Rownag Abdullajew: "Wir haben schon vor der Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen einen Kooperationsvertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund unterschrieben und uns dann für Berti Vogts entschieden. Vorausgegangen sind lange Überlegungen, wer der richtige Trainer und welches die beste Fußball-Schule für uns ist. Auch der Technische Direktor ist in Bernhard Lippert ja ein Deutscher. Beide Trainer bringen ihre Assistenten mit nach Aserbaidschan. Wir wollen dies zu einem herausragenden Beispiel deutsch-aserbaidschanischer Kooperation machen."

sid: "Kannten die Menschen in Aserbaidschan den Namen Berti Vogts schon vor seinem Amtsantritt?"

Abdullajew: "Ja, klar. Sehr gut sogar."

sid: "Von seiner Zeit als Spieler oder seiner Zeit als Trainer?"

Abdullajew: "Von beidem. Als Verband waren uns auch seine Probleme in Nigeria bekannt."

sid: "Diese haben Sie nicht davon abgehalten, ihn zu verpflichten."

Abdullajew: "Nein. Wir sind als Verband natürlich nicht so gut aufgestellt wie der DFB, aber vom Organisatorischen her ist Aserbaidschan nicht wie Nigeria. Da sind wir besser, dafür haben wir keine Stars wie in Nigeria."

sid: "Berti Vogts hat schon die Erwartungen gedämpft und gesagt, es werde beinahe unmöglich, sich für die WM 2010 zu qualifizieren. Wohin soll es mit dem aserbaidschanischen Fußball gehen?"

Abdullajew: "Da antworte ich mit dem Ausspruch des bekannten russischen Felherren Alexander Suworow, der 1799 die Alpen überquerte, um die Italiener zu schlagen: Der Soldat, der kein General werden möchte, ist ein schlechter Soldat."

sid: "Wie viel Geduld werden Sie mit Berti Vogts haben? Werden Sie mit ihm durch dick und dünn gehen, auch wenn anfangs die Erfolge ausbleiben?"

Abdullajew: "Uns ist klar, dass man im Fußball nicht nur gewinnen kann. Ich war vier Jahre lang Präsident des Klubs Neftschi Baku, der viermal Meister geworden ist. Wir haben mal 0:5 daheim gegen den RSC Anderlecht verloren. Die Spieler waren schwer niedergeschlagen. Da bin ich zu ihnen in den Bus gegangen, habe sie umarmt und ihnen zu ihrer Leistung gratuliert. Das ist die andere Seite des Fußballs, auf die man auch eingestellt sein muss. Das sind wir."

sid: "Ist Russland ein gutes Beispiel für Sie. Dort gibt es in Guus Hiddink einen niederländischen Nationaltrainer und in Dick Advocaat einen Klubtrainer, der Zenit St. Petersburg zum UEFA-Cup-Sieg führte?"

Abdullajew: "Bevor wir uns für die deutsche Fußball-Schule entschieden, haben wir auch das niederländische Modell und das englische in Betracht gezogen. Unter anderem haben wir die Sterne auf dem Trikot gezählt. Die Niederländer haben noch nie einen WM-Titel gewonnen. Die Engländer wären niemals Weltmeister geworden, wenn nicht der aserbaidschanische Linienrichter Tofik Bachramow 1966 für das Wembley-Tor verantwortlich gewesen wäre. Deutschland hat dagegen schon drei Sterne. Außerdem sind wir ihnen wegen 1966 noch etwas schuldig. Die italienische Schule kam im Übrigen auch nicht in Frage. Italiener sind zu emotional. Das passt nicht zu uns."

sid: "Was werten Sie als bislang größten Erfolg des aserbaidschanischen Fußballs seit dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre?"

Abdullajew: "Unsere Klubmannschaften gewannen seit 1992 zweimal den GUS-Pokal, in dem alle ehemaligen Sowjetrepubliken sowie die baltischen Staaten mit Teams vertreten sind."

sid: "Wie kann die aserbaidschanische Liga von Berti Vogts und seinem Engagement profitieren?"

Abdullajew: "Unsere Fußballer sind technisch sehr gut, dribbelstark und torgefährlich. Aber sie sind meist nicht fit für 90 Minuten Spielzeit. Die Klubs können von den Trainingsmethoden von Berti Vogts und Bernhard Lipperts lernen, schneller zu werden und länger durchzuhalten. Wir wollen die Trainingsvision auf alle Klubs der ersten Liga ausweiten."

sid: "Sie spielen im August und September 2009 in der WM-Qualifikation gegen Deutschland. Was wünschen Sie sich da für ein Ergebnis?"

Abudllajew: "Berti Vogts hat ja schon gesagt, dass es schwere Spiele werden. Aber ich hoffe, wir können mit Deutschland möglichst lange mithalten."

sid: "Sie sind seit zwei Monaten Präsident des Fußball-Verbandes und zudem Präsident der nationalen Ölfirma Socar. Profitiert der Fußball von den Petrdollars, die Ihre Firma verdient?"

Abdullajew: "Socar war schon immer der Hauptsponsor des nationalen Verbandes. Daran wird sich wohl auch nichts ändern. Aber mit Geld kann man nicht alles kaufen, auch keinen Sieg gegen Deutschland in der WM-Qualifikation."

sid: "Aber einen guten deutschen Trainer. Sehen Sie die Indiskretion nach, aber wie hoch ist Berti Vogts Jahresgehalt? In Deutschland ist von einer Million Euro die Rede."

Abdullajew: "Ich kann nur so viel sagen: Sein Lohn ist der Aufgabe angemessen."