2008.05.29 Neuss : Gemischtes Echo über deutschen EM-Kader

Immerhin, Franz Beckenbauer und Günter Netzer sind mit dem deutschen Kader für die EM zufrieden. Doch Bundestrainer Löw musste sich von einigen Seiten auch Kritik gefallen lassen.

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Vereinzelte Kritik an Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw musste sich nach der Ausmusterung von Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes leise Kritik gefallen lassen. Keine Klagen gab es indes von den drei enttäuschten "Heimkehrern".

"Kaiser" Franz Beckenbauer sah beim FIFA-Kongress im fernen Sydney zwar "keinen Grund, an Löws Aufgebot zu zweifeln. Wir müssen den 23 Mann vertrauen, die der Bundestrainer ausgewählt hat", ließ er via Bild-Kolumne übermitteln, "aber: Dieses 'Casting', wie es Jogi Löw ja selber nannte, hätte er sich sparen können."

Für Chef-Kritiker Günter Netzer war es eine große Überraschung, "dass Joachim Löw einen Marko Marin in den vorläufigen Kader berufen hat - und genau so überrascht war ich, dass er wieder gestrichen wurde. Denn nach den Aussagen von Löw konnte man davon ausgehen, dass Marin dabei ist".

Keine Beschwerden von den Ausgemusterten

Vor allem das von Löw gewählte Auswahlverfahren "23 aus 26" vor der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz (7. bis 29. Juni) stieß nicht überall auf Gegenliebe. "Ohne Kritik an den Trainern üben zu wollen. Meine Meinung ist: Es wäre für die drei besser gewesen, erst gar nicht nominiert zu werden. Erst mitzugehen und dann nach Hause geschickt zu werden, ist noch ein Stück härter", meinte selbst Nationalspieler Kevin Kuranyi im kicker.

Dennoch übte sich das Trio nach der "Abschiebung" in Zurückhaltung, um sich die Zukunft in der DFB-Auswahl nicht zu verbauen. "Jetzt mache ich Urlaub, danach greife ich wieder voll an", sagte der Noch-Kölner und künftige Leverkusener Helmes.

Der Gladbacher Marin will sich auf Ibiza von der Enttäuschung erholen. Der 19-Jährige konnte nach eigener Aussage einige Erfahrungen sammeln, "die mich weiterbringen. Ich habe immerhin mein erstes Länderspiel bestritten". Der Schalker Jones wollte erst einmal alles sacken lassen. Immerhin verabschiedete er sich mit einem guten Gewissen in die Ferien: "Ich habe im Training alles gegeben und habe mir nichts vorzuwerfen."

Overath vermisst die Jugend

Kuranyi, der vor der WM 2006 ausgebootet worden war, kann sich in die Situation gut hineinversetzen. Marin, Helmes und Jones haben "mit dem Gefühl die Heimreise angetreten, dass sie einen Kampf verloren haben. Vielleicht denken sie sogar, sie haben diesen Kampf zu Unrecht verloren".

Gladbachs Sportdirektor Christian Ziege monierte, "dass aus meiner Sicht und nach dem jetzigen Stand der Dinge es sicher besser gewesen wäre, Marko erst gar nicht nach Mallorca einzuladen. Jetzt muss er diesen Rückschlag mit uns gemeinsam erst einmal verkraften".

Kölns Präsident Wolfgang Overath kritisierte, dass Löw der Jugend keine Chance gebe. "Man sollte jetzt schon an die WM 2010 denken und junge Spieler holen", meinte der frühere Nationalspieler im Kölner Express. Helmes hätte die EM verdient. Die gleiche Ansicht vertrat Schalkes Manager Andreas Müller im Fall Jones.

"Borowski ist die fachlich richtige Entscheidung"

Immerhin können die drei Spieler jetzt in den Urlaub gehen und sich Trost im Kreise ihrer Familien und Aufmunterung durch die Experten holen. "Für die drei gilt: Entwickeln sie sich weiter wie zuletzt, werden sie bald wieder bei der Nationalelf auftauchen. Marin hat gute Fähigkeiten. Allein die Nominierung in den 26er-Kader hat ihm einen enormen Image- und Reputationsgewinn gebracht", schrieb Netzer in Bild.

Auch Löw hatte das Trio schon mit den Worten vom Trainingslager in Mallorca verabschiedet, "dass sie gute Perspektiven haben". Bei der EM-Endrunde setzt der Bundestrainer aber vor allem auf bewährte Kräfte, die schon bei der WM 2006 Erfahrungen sammelten: Dazu zählen Oliver Neuville, David Odonkor und Tim Borowski - für Netzer eine "fachlich richtige Entscheidung".