2008.06.06 Neuss : Deutschland - ein einziges Fahnenmeer

"Man sieht schon wieder überall die Fähnchen an den Autos", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Laut Prof. Dr. Ralf Brand hat diese Stimmung aber nichts mit Patriotismus zu tun.

sbr
Deutschland zeigt Flagge

Deutschland zeigt Flagge. "Wenn man durch die Gegend fährt, sieht man schon wieder überall die Fähnchen an den Autos", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger und denkt vor der bem Auftakt der Fußball-EM an 2006 zurück: "Das erinnert mich fast schon wieder an die Stimmung bei der WM."

Schwarz-rot-goldene Fahnenmeere, ausgelassene Public-Viewing-Partys und nicht enden wollende Autokorsos - die EM wird, zumindest im Falle von Erfolgen der deutschen Mannschaft, wieder landesweite Euphorie auslösen. Wer allerdings das Fußball-Fieber mit Patriotismus verwechselt, macht nach Meinung des Sportpsychologen Prof. Dr. Ralf Brand von der Universität Potsdam einen Fehler.

EM-Euphorie ist kein Patriotismus

"Diese Stimmung hat mit Patriotismus nichts zu tun. Sie drückt nicht die Liebe zur Nation aus, sondern nur die Freude, sich gemeinsam mit anderen Menschen freuen zu dürfen", sagte Brand im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid): "Wenn man eine Gruppe Fans fragt, was sie beim Feiern verbindet, würden die wenigsten sagen, es ist die Bundesrepublik Deutschland. Ich würde mich wundern, wenn die Fähnchen selbst nach einem möglichen EM-Titel noch lange auf den Autodächern zu sehen sind."

Im Sommer 2006 hatte das landesweite "Schwarz-Rot-Geil-Gefühl" ungeahnte Höhen erreicht und gleichzeitig eine Debatte über Patriotismus und seine möglichen Nebenwirkungen ausgelöst. Eine Umfrage der Allianz AG und der Universität Hohenheim lässt nun erahnen, dass es auch diesmal wieder hoch hergehen könnte.

Jeder vierte Deutsche gab an, dass die EM seine Stimmung stark oder sehr stark hebe, wobei die Männer (33 Prozent) den Frauen (19) noch weit voraus sind. Der Einzelhandel schwimmt dankbar auf der Euphoriewelle mit, startet im Windschatten der EURO gewaltige Werbefeldzüge und schlägt Rabattschlachten. Diplom-Psychologe Hans J. Stollenwerk vom Institut für Sportsoziologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln hält den angeblichen Patriotismus gar für eine "medien- und industriegesteuerte Kampagne".

EM als "Konsumfalle"

Ein großer Elektronik-Einzelhändler gewährt beispielsweise beim Kauf von Produkten zum Preis von über 500 Euro einen nachträglichen 100-Euro-Nachlass pro Tor, das die deutsche Elf im EM-Finale (!) schießt. Jedes Produkt, das Fläche genug hat, wird schwarz-rot-gold angepinselt. Sogar Kondome machen da derzeit keine Ausnahme. Um auf den Zug aufzuspringen, werden sogar völlig neue Produkte entworfen, wie zum Beispiel ein Mini-Fuchsschwanz für Handys in Landesfarben.

Für Brand ist klar: "Der glückliche Anlass, dass viele Menschen auf einmal Begeisterung zeigen, wird instrumentalisiert. Das ist offensichtlich, aber auch nachvollziehbar." Auch Stollenwerk sieht das Phänomen nicht ausschließlich negativ: "Die Deutschen bekommen dadurch ein natürlicheres und unverkrampfteres Verhältnis zu ihren nationalen Symbolen."

Warum Handel und Fans den Fußball gleichermaßen lieben, wurde schon in den Wochen vor der EM deutlich. Michael Ballacks Tränen nach dem Champions-League-Finale in Moskau, Ottmar Hitzfelds Tränen bei seinem Abschied in München, Jürgen Klopps Tränen bei seinem Abschied in Mainz - es sind die Emotionen, die hängen bleiben. Bei einem gemeinsamen Forschungsprojekt einer Werbeagentur und eines Hirnforschers kam unter anderem heraus: Wenn der Mensch emotional berührt wird, kann er Informationen besser behalten.