2008.06.06 Neuss : Haug: "Monaco war Hamiltons Meisterstück"

Norbert Haug ist mit der aktuellen Entwicklung seines Formel-1-Rennstalls zufrieden. Der Mercedes-Sportchef spricht im Interview über den Saisonverlauf und das Rennen von Monaco.

jbo1
Mercedes-Sportchef Norbert Haug

In Monaco hat Mercedes-Pilot Lewis Hamilton die Konkurrenz streckenweise deklassiert. Mercedes-Sportchef Norbert Haug spricht im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) über Hamiltons Meisterstück und die Zukunft seines Rennstalls.

sid: "Mercedes-Sieg in Melbourne, dann viermal Ferrari ganz vorn und nun wieder ein Silberpfeil-Erfolg in Monte Carlo. Wie erklären Sie sich diese Achterbahnfahrt?"

Norbert Haug: "Wir haben in den letzten drei Rennen einen Countdown erlebt - erst Dritter, dann Zweiter, jetzt Erster. In den beiden Rennen vor Monaco waren wir recht dicht an der Spitze, in Monaco hat's dann geklappt."

sid: "War Monaco das Meisterstück von Lewis Hamilton?"

Haug: "Ich denke schon, dass dieses Rennen sein Meisterstück war. Im Mittelteil des Rennens war Lewis pro Runde sekundenweise schneller als die Konkurrenz und baute den Vorsprung in weniger als einem Drittel der zu fahrenden Gesamtrundenzahl auf über 40 Sekunden aus. Das war sehr beeindruckend. Zuvor hatte Lewis das Glück des Tüchtigen, als er es nach leichtem Leitplankenkontakt auf dreieinhalb Rädern an die Boxen schaffte."

sid: "Machen Ferrari und Mercedes den Titel 2008 unter sich aus oder kann BMW noch in dieses Duell eingreifen?"

Haug: "Prognosen machen wenig Sinn, wie die letzten Ergebnisse erneut gezeigt haben. Wer die beste Arbeit leistet, wird am Ende vorne sein, und ich hoffe natürlich, dass wir das sind."

sid: "Nach dem Wirbel im Vorjahr ist Ruhe bei den Silberpfeilen eingekehrt. Macht Ihnen Ihr Job als Sportchef jetzt nicht viel mehr Spaß?"

Haug: "Wir hatten im letzten Jahr zwei Fahrer, die vom ersten bis zum letzten Rennen um den WM-Titel gekämpft haben, einer davon war der amtierende Doppelweltmeister, der vom Formel-1-Lehrling Lewis Hamilton aufs Äußerste gefordert wurde. Die Situation jetzt ist ganz anders, nicht zu vergleichen. Aber wenn Heikki alle Punkte auf seinem Konto hätte, die er - ohne eigene Schuld - nicht machen konnte, wäre er in der Tabelle wohl gleichauf mit Lewis."

sid: "Was dürfen wir in Montreal erwarten?"

Haug: "Ich hoffe, wir können vorne mitmischen."

sid: "Nick Heidfeld hat in letzter Zeit viel Kritik einstecken müssen. Einige sprechen schon vom Ende seiner Formel-1-Karriere. Sie kennen ihn sehr gut. Haben Sie nicht ein bisschen Mitleid?"

Haug: "Nick braucht kein Mitleid. Er gehört zur Weltklasse der Rennfahrer, ich habe lange genug mit ihm gearbeitet, um dies zu wissen. Wie über ihn nach ein paar nicht optimalen Resultaten teilweise geurteilt wird, ist nicht nach meinem Geschmack. Aber: Ein gutes Resultat genügt, und er wird wieder gefeiert werden."

sid: "Es fährt kein Schumacher mehr in der Formel 1 - trotzdem haben die deutschen Fans das Interesse nicht verloren. Überrascht Sie das?"

Haug: "Es gibt jetzt viel mehr Themen für die deutschen Zuschauer - fünf Fahrer, die gut unterwegs sind, wenn auch nicht jeder in jedem Rennen, und zwei Teams, die an der Spitze mitmischen. Von den 23 Grand Prix seit Schumachers Rücktritt war Mercedes bei immerhin zehn mit ganz oben auf dem Podium, und bei den 23 Rennen seither gab es für uns 29 Podiumsplatzierungen."

sid: "In der Ära nach den Schumachers gibt es derzeit fünf deutsche Fahrer. Wer davon hat Sie bislang beeindruckt und wer enttäuscht?"

Haug: "Sie alle haben die Berechtigung, es in die Formel 1 geschafft zu haben. Keiner hat sich einen Freifahrtschein mit dem Inhalt von Vaters Brieftasche gekauft."