2008.06.12 Neuss : Podolski und Yakin treffen gegen ihr Heimatland

Neben Lukas Podolski hat jetzt auch der für die Schweiz spielende Hakan Yakin gegen seine alte Liebe getroffen. Der Stürmer mit türkischer Abstammung schoss am Mittwoch das 1:0.

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Zwei gebürtige Polen unter sich: Lukas Podolski (li.) und Miroslav Klose

Sie trafen beide gegen ihre große Liebe, verkniffen sich aus Respekt den Jubel und mussten sich dennoch Kritik anhören. Der gebürtige Pole Lukas Podolski schoss beide Tore zum 2:0-Erfolg der deutschen Elf gegen sein Heimatland, es folgte die polemische Forderung eines polnischen Politikers nach seiner Ausbürgerung. Hakan Yakin, der Schweizer wider Willen, musste gegen seine geliebten Türken spielen. Über den letztlich wertlosen Treffer zum 1:0 bei der 1:2-Niederlage konnte er sich denn auch gar nicht richtig freuen.

Türkische Fans pfeifen Yakin aus

"Ich habe meine Pflicht getan", sagte der frühere Stuttgarter Bundesliga-Profi: "Aber mein Herzenswunsch war es immer, für die Türkei zu spielen. Da habe ich nie eine Chance bekommen, deshalb spiele ich für die Schweiz." Ob freiwillig oder nicht, war den türkischen Fans egal. Sie pfiffen den "Überläufer" nicht nur bei seinem Tor, sondern schon vor dem Spiel und bei fast allen Aktionen lautstark aus.

Podolski hatte sich bewusst für Deutschland entschieden. Dennoch hatte er nach seinem großen Tag gegen die Polen wohl fast schon ein schlechtes Gewissen und wünschte sich schnell ein erneutes Aufeinandertreffen im Halbfinale.

Multi-Kulti ist aber in im europäischen Fußball, und manchmal sorgt es auch für solch seltsame Konstellationen. Von den 386 EM-Spielern haben viele mehrere Staatsangehörigkeiten, ausländischen Wurzeln oder sind sogar "Überläufer" ohne jede Blutsverwandtschaft.

Sechs Brasilianer spielen bei der EURO

So stehen gleich sechs Brasilianer in den Kadern der 16 Teams. Deco und Pepe haben für Portugal bereits getroffen, Mehmet (früher Marco) Aurelio war bisher überragender Mann der Türken. Auch Marcos Serra (Spanien), Roger Guerreiro (Polen) und der deutsche Stürmer Kevin Kuranyi sind in Brasilien geboren.

Insgesamt haben acht Spieler aus dem deutschen Aufgebot ausländische Wurzeln, darunter interessanterweise alle fünf Stürmer. Neben Podolski hätten noch Miroslav Klose und Piotr Trochowski für Polen spielen können, auch Tim Borowski hat polnische Vorfahren. Oliver Neuville hat eine italienische Mutter und wurde in der Schweiz geboren. Der Vater von Mario Gomez ist Spanier, der von David Odonkor Ghanaer. In allen Fällen handelt es sich aber ausnahmslos um Profis, die nachweislich einen familiären Bezug zu Deutschland haben.

Damit hat der Weltverband FIFA denn auch kein Problem. Aber "Einbürgerungen, die Spielern ohne jeden Bezug zum Land Einsätze in der Nationalmannschaft erlauben, entsprechen nicht dem Sinn und Zweck der Statuten", stellte Präsident Joseph S. Blatter klar.

Einbürgerung der Spieler durch die Hintertür

Diese erlauben eigentlich nur den Einsatz von Spielern, die im betreffenden Land geboren sind oder Eltern beziehungsweise Großeltern von dort haben. Aufgeweicht wird diese Vorgabe durch die Hintertür, dass eine Eingliederung von Spielern möglich ist, die "mindestens zwei Jahre ununterbrochen auf dem Gebiet des betreffenden Verbandes wohnhaft waren".

Dennoch ist der Anteil an Multi-Kulti-Spielern naturgemäß in typischen Einwanderländern beziehungsweise früheren Kolonialmächten groß. So stellt die Schweiz neben drei Spielern mit türkischen Wurzeln auch je einen mit ivorischen (Johan Djourou), kapverdischen (Gelson Fernandes) und kolumbianischen (Johan Vonlanthen). Zum französischen Aufgebot gehören sechs Spieler, die in alten Kolonien geboren wurden, darunter Patrick Vieira (Senegal), Lilian Thuram (Guadeloupe) oder Claude Makelele (Kongo). Die Niederlande hat ebenfalls zahlreiche dunkelhäutige Spieler im Team.

Und ein ganz besonderes Spiel stand am Donnerstag auch für einige Kroaten gegen Deutschland auf dem Programm. So sind die Brüder Robert und Niko Kovac in Berlin geboren, Ivan Klasnic in Hamburg. Für sie war es aber wie für den in Gelsenkirchen geborenen Türken Hamit Altintop nie ein Thema, für Deutschland zu spielen. "Selbst wenn ich auf die Berufung der Kroaten ewig hätte warten müssen", meint Robert Kovac.