2008.06.19 Neuss : Kubica versucht sich in der Rolle des Gejagten

Zum ersten Mal in seiner Formel-1-Karriere geht BMW-Pilot Robert Kubica Sonntag beim Großen Preis von Frankreich als WM-Spitzenreiter ins Rennen und will die seltene Chance nutzen.

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Verteidigt die Führung in Magny-Cours: Robert Kubica

Die Pflicht war der erste Sieg, die Kür soll der Formel-1-Titel sein: Nach dem Doppelsieg in Montreal greift BMW nach den Sternen. "Wir müssen alles dransetzen, um das Beste aus der Situation zu machen. Wer weiß, ob sich mir so eine Chance nochmal bietet. Ich werde auf jeden Fall alles geben", sagt der Power-Pole Robert Kubica, für den das Rennen am Sonntag (14.00 Uhr/live bei Premiere und RTL) in Magny-Cours etwas ganz Besonderes ist.

Kubica fährt in Frankreich seinen 30. Grand Prix, erstmals startet er als WM-Spitzenreiter. Nach seinem Erfolg in Kanada führt der 23-Jährige die Gesamtwertung vor dem achten Saisonrennen mit 42 Punkten vor "Silberpfeil"-Star Lewis Hamilton (Großbritannien) und Ferrari-Pilot Felipe Massa (Brasilien/je 38 Zähler) an.

"Sind immer zur Stelle, wenn die anderen Fehler machen"

Noch immer kann Kubica kaum fassen, was da passiert ist: "Ich hätte nicht erwartet, dass ich nach sieben Rennen die Meisterschaft anführe, weil unser Auto nicht das absolut schnellste ist." Was ist dann der Schlüssel zum Erfolg? Kubica: "Wir haben eine perfekte Zuverlässigkeit und sind immer zur Stelle, wenn die anderen Fehler machen."

So wie in Montreal, als Hamilton die rote Ampel übersah und Weltmeister Kimi Räikkönen (Finnland) in der Boxenstraße ins Heck des Ferrari rauschte. Mit einem breiten Grinsen meint Kubica: "Es waren die längsten, aber auch entspanntesten Runden meiner Karriere, weil ich keinen Druck mehr hatte und nur noch das Auto ins Ziel bringen musste."

Groß gefeiert hat Kubica seinen Erfolg nicht. "Die Zeit war zu kurz. Ich habe ganz einfach versucht, etwas Energie zu tanken. Ich habe ein wenig trainiert und mich in der übrigen Zeit entspannt", sagt der erste polnische Formel-1-Sieger, der laut Mario Theissen schon das Zeug zum Weltmeister hat: "Wer nach sieben Rennen die Fahrerwertung anführt, steht dort nicht durch Zufall."

Eine Kampfansage an die beiden Rivalen von McLaren-Mercedes und Ferrari schickt der BMW-Motorsportdirektor direkt hinterher: "Wir werden jetzt sicher nicht nachlassen, sondern richtig Gas geben." Der Triumph von Kanada hat dem jungen BMW-Sauber-Team Appetit auf mehr gemacht. Theissen: "Jetzt wissen wir alle, wie süß ein Sieg schmeckt, noch dazu ein Doppelsieg."

Kubica hat gemerkt, dass sein Sieg dem Team einen zusätzlichen Motivationsschub gegeben hat. "Es ist ein großartiges Gefühl, nicht nur für mich, sondern für alle Leute, die dazu beigetragen haben", meint der Pole. Auch wenn Theissen davon nichts wissen will, steht fest, dass Kubica im internen Duell mit dem Mönchengladbacher Nick Heidfeld zur Nummer eins aufgestiegen ist. Der BMW-Boss stärkt dem Deutschen aber demonstrativ den Rücken: "Der zweite Platz von Nick hat mich sehr gefreut. Er ist im Kommen, von Krise eine Spur."

Verdopplung der Gage winkt

Doch während Kubica eine feste Größe bei den Weiß-Blauen ist, steht hinter Heidfelds Zukunft derzeit ein Fragezeichen. Um gegen Ferrari und McLaren-Mercedes mitzuhalten, braucht man auf Dauer zwei gleichwertige Fahrer, und da steht "Quick Nick" klar im Schatten Kubicas, der alle bisherigen sieben Duelle im Qualifying gewann. Obwohl der Vertrag des Polen noch bis 2009 läuft, will BMW den WM-Spitzenreiter vorzeitig längerfristig binden. Die Gage soll verdoppelt werden, von derzeit fünf auf zehn Millionen Euro.

Angeblich hat Ferrari bereits Interesse an Kubica bekundet. Der 23-jährige Pole soll auf der Wunschliste der Italiener zusammen mit Renault-Star Fernando Alonso (Spanien) ganz oben stehen, falls Weltmeister Räikkönen den Helm vorzeitig an den Nagel hängt. Theissen lassen diese Gerüchte kalt. "Was die Fahrersituation für 2009 angeht, haben wir mit unseren Gesprächen keine Eile. Wir werden diesbezüglich keine Zwischenstände abgeben, sondern nur Fakten kommunizieren", sagt der BMW-Boss.