2008.06.23 Neuss : Löw: "System spielt eine untergeordnete Rolle"

Joachim Löw sieht die deutsche Mannschaft im Spiel gegen die Türken nicht als Favorit. "Wenn es bei ihnen läuft, können sie besondere Kräfte freisetzen", merkte Löw im Interview an.

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Hat großen Respekt vor den Türken

Nationaltrainer Joachim Löw stellte sich am Mittag den Fragen der versammelten Presse. Bereitwillig nahm er Stellung zu einem möglichem Spielsystem, dem Favoritenstatus der deutschen Mannschaft und Erfahrungen aus seiner Zeit als Trainer in der Türkei.

Frage: "Joachim Löw, welche Erwartungen haben Sie vor dem Halbfinale gegen die Türkei?"

Joachim Löw : "Wir sind die letzte Mannschaft, die auch bei der WM unter den letzten Vier war. Das spricht für unsere Konstanz. Aber ein ganz wichtiges Thema vor dem Spiel ist das Thema Bodenhaftung. Wir müssen es schaffen, wieder auf das Niveau des Portugal-Spiels zu kommen."

Frage: "Es wurde schon von einer geplanten Siegesfeier am Brandenburger Tor berichtet?"

Löw: "Oliver Bierhoff und ich haben einmal weit vor dem Turnier besprochen, dass wir 2006 positive Erfahrungen gemacht hatten, als wir uns dort von den Fans verabschiedeten. Aber dieses Thema ist eingefroren. Ich möchte nicht ein Wort darüber hören, was am Sonntag sein wird. Wir tun gut daran, uns ganz besonders auf dieses Spiel zu konzentrieren. Alles weitere ist kein Thema."

Frage: "Ihre Mannschaft wird vor dem Halbfinale gemeinhin als großer Favorit gehandelt?"

Löw: "Das ist eine falsche Meinung. Die Türken sind bisher sehr stark aufgetreten und verfügen über Klasse. Sie haben jedes Mal einen Rückstand aufgeholt. Sie sind sehr euphorisch. Wenn es bei ihnen läuft, können sie besondere Energie und Kräfte freisetzen. Sie haben einen unglaublichen Nationalstolz und eine tolle Moral. Sie werden bis zum Äußeren kämpfen. Das wird für uns ein ganz schwieriges Spiel. Sie sind noch beweglicher und kreativer als die Portugiesen. Es ist enorm wichtig, Bescheidenheit zu haben."

Frage: "Behalten Sie das 4-5-1-System vom Portugal-Spiel bei oder wechseln Sie wieder auf ein 4-4-2?"

Löw: "Das 4-5-1 hat gegen Portugal sehr gut geklappt. Wir müssen uns aber erst ein klares Bild von den Türken verschaffen. Ob mit einer, zwei oder drei Spitzen werden wir wie immer klar offensiv ausgerichtet sein. Da spielt das System nur eine untergeordnete Rolle. Wenn wir Laufbereitschaft zeigen und die Wege gehen, bringen wir jeden Gegner in jedem System in Not."

Frage: "Sie haben ein besonderes Verhältnis zur Türkei. Hat dieses Spiel deshalb noch einen höheren Stellenwert für Sie?"

Löw: "Ein Halbfinale ist schon etwas Besonderes. Es hat einen ganz hohen Stellenwert, ein Finale zu erreichen. Aber natürlich freue ich mich auf das Treffen mit der Türkei. Meine Zeit bei Fenerbahce Istanbul hat mich unheimlich geprägt, auch für mein weiteres Leben."

Frage: "Inwiefern geprägt?"

Löw: "Ich habe gelernt zu erfahren, was es heißt, sich mit einem Verein zu identifizieren. Dieser Stolz und diese Identifikation ist in der Türkei ausgeprägt wie in kaum einem anderen Land. Jetzt steht eine ganze Nation mit Herzblut hinter der Mannschaft. Ich habe eine unglaubliche Gastfreundschaft, Menschlichkeit und Herzlichkeit erlebt. Das hat mir viel gegeben."