2008.07.07 Neuss : Bach: Sport kann ein "wichtiges Zeichen setzen"

Einen Monat vor den Olympischen Spielen in Peking hat sich IOC-Vize und DOSB-Präsident Thomas Bach in einem sid-Interview zu Olympia, den deutschen Athleten und China geäußert.

hsc
DOSB-Präsident Thomas Bach

Thomas Bach (54) führt nach seiner Wahl zum DOSB-Präsidenten 2006 in Peking erstmals eine deutsche Olympiamannschaft an. Der Fecht-Olympiasieger von 1976 wurde ebenfalls 2006 erneut zum IOC-Vizepräsidenten gewählt. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) äußert sich Bach einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking.

sid: "Die Gründung des Dachverbandes DOSB war nicht zuletzt Folge des schwachen Abschneidens 2004 in Athen. Mit welchen Erwartungen fährt die deutsche Mannschaft nach Peking?"

Thomas Bach: "Mit drei Zielen: Erstens, sportlich möglichst erfolgreich zu sein. Das heißt, den Abwärtstrend seit 1992 zu stoppen. Mehr ist erst zwei Jahre nach DOSB-Gründung realistisch nicht zu erwarten. Zweitens, die Erfolge sauber erringen. Dafür haben wir im Vorfeld strenge Nominierungskriterien erstellt, mit denen wir im Antidopingkampf sicher führend sind. Drittens, als 'Team Deutschland' gute Botschafter unseres Landes zu sein."

sid: "Glauben Sie als Leiter der IOC-Disziplinarkommission an saubere Spiele?"

Bach: "Das ist nicht das Kriterium. Entscheidend ist, dass wir im IOC ein System installiert haben, das so weit wie möglich die sauberen Athleten vor denen schützt, die manipulieren. Die Spiele von Peking werden die mit Abstand am striktesten kontrollierte Multisport-Veranstaltung sein, die es je gab."

sid: "Der Fackellauf wurde von Menschenrechtsdiskussionen überschattet, insbesondere nach den Tibet-Unruhen. Kann der Sport unbelastet nach China reisen?"

Bach: "Natürlich nicht, aber er kann gerade vor diesem Hintergrund ein besonders wichtiges Zeichen setzen. Dass der Sport 205 Länder an einem Platz unter einem Dach vereinigt, ist eine Botschaft von einmaliger Stärke. Sie beweist einmal mehr die große Faszination, die von Olympischen Spielen ausgeht."

sid: "Können die deutschen Sportler unbelastet starten?"

Bach: "Ich denke ja. Alle Gespräche mit Athleten zeigen, dass sie sich längst voll auf ihren sportlichen Einsatz konzentriert haben und das auch wollen. Sie können es auch, weil die IOC-Regeln klar sind, die olympische Stätten freihalten wollen von politischen Aktionen. Aber natürlich jedem die Freiheit der Meinungsäußerung lassen, wie immer er davon Gebrauch machen will."

sid: "China wurde in diesem Jahr von Naturkatastrophen erschüttert, bis hin zum Erdbeben Mitte Mai mit rund 80.000 Opfern. Sehen Sie die Organisation dadurch erschwert?"

Bach: "Nein, weil man schon sehr frühzeitig startbereit war. Das haben die Erkenntnisse der IOC-Koordinierungskommission gezeigt und alle Olympiatests, deren Ablauf auch von den Weltverbänden äußerst positiv gewertet wurde. Infrastruktur und technische Voraussetzungen werden überall bestens sein. Ich bin auch zuversichtlich, dass die eingeleiteten Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität so Wirkung zeigen, wie von Experten vorhergesagt, und damit die Wettkämpfe normal ablaufen können. Die Bühne für herausragende Olympische Spiele ist bereitet."

sid: "Was werden die Spiele China und der Olympischen Bewegung bringen?"

Bach: "Sie haben schon jetzt zur nachhaltigen Verankerung der Olympischen Idee im bevölkerungsreichsten Land der Erde geführt. Millionen von Kindern und Jugendlichen und über sie viele andere sind seit Jahren vor allem über die Schulen damit intensiv in Berührung gekommen. Olympia wird die chinesische Gesellschaft öffnen und hat es bereits getan. Dieser Effekt wird sich mit jedem Tag noch verstärken, nicht zuletzt durch den Besuch der Gäste aus aller Welt. Die Spiele können somit einen prägenden Eindruck für alle Seiten hinterlassen, für China und für die Olympische Bewegung."