2008.07.20 Neuss : Schleck entreißt Evans das Gelbe Trikot

Auf der ersten Alpen-Etappe der Tour de France hat Fränk Schleck den Australier Cadel Evans als Gesamtführenden abgelöst. Der Tagessieg ging an Evans' Landsmann Simon Gerrans.

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Fränk Schleck (r.) hängt Cadel Evans ab

Zum Trost durfte sich Bernhard Kohl das gepunktete Bergtrikot überstreifen, doch das eigentliche Objekt der Begierde hatte er denkbar knapp verpasst: Um gerade einmal sieben Sekunden verfehlte der Österreicher vom Team Gerolsteiner auf der ersten Alpenetappe der Tour de France das Gelbe Trikot, das zuletzt in Max Bulla 1931 ein Fahrer aus der Alpenrepublik getragen hatte. Stattdessen übernahm Frank Schleck (CSC) als nächster Luxemburger nach Kim Kirchen die Führung vom zwischenzeitlichen Spitzenreiter Cadel Evans (Australien/Lotto), der hinter Kohl auf den dritten Rang zurückfiel.

Hinter einem Ausreißer-Quartett, aus dem sich der Australier Simon Gerrans (Credit Agricole) den Sieg im 1440m hoch gelegenen Tagesziel sicherte, hinterließ Kohl von allen Favoriten auf den Gesamtsieg den stärksten Eindruck. Hinter dem gebürtigen Wiener kam der Spanier Carlos Sastre auf den sechsten Rang. Dahinter folgten die Mitfavoriten Alejandro Valverde (Spanien) und Denis Mentschow (Russland) auf den Plätzen sieben und acht. Schleck (9.) und Evans (13.) fuhren erst mit einigen Sekunden Abstand ein.

Mentschow reitet die erste Attacke

Nach einer Tempoverschärfung der CSC-Mannschaft am Beginn des Schlussanstiegs hatte zunächst Mentschow die Konkurrenz attackiert, war aber durch einen Sturz kurz ausgebremst worden. Während sich Evans nur an das Hinterrrad von Schleck hielt, konnten sich die übrigen Konkurrenten absetzen und einige Sekunden gut machen.

Die Ausreißergruppe um den Tagessieger hatte sich bereits nach 12km gebildet und ihren Vorsprung auf das Hauptfeld zunächst kontinuierlich ausgebaut. Bis zu 16 Minuten lag das Quartett vorne, bevor der Abstand auf den letzten 60km immer kleiner wurde. Dass sich die Spitzengruppe letztlich vor den Verfolgern ins Ziel retten konnte, wurde auch durch mehrere Stürze begünstigt, durch die das Peloton zwischenzeitlich gebremst wurde.

So war das Rennen für den ehemaligen Toursieger Oscar Pereiro nach einem spektakulären Sturz in der Abfahrt vom Col Agnel beendet. Der Spanier von der Equipe Caisse d'Epargne erlitt dabei einen Schulterbruch und wurde in ein italienisches Krankenhaus gebracht. Der zunächst ebenfalls befürchte Oberschenkelbruch bestätigte sich indes nicht. Der 31-Jährige war in einer Haarnadelkurve über die Straßenbegrenzung hinausgeschossen und fünf Meter tiefer auf der Straße gelandet.

Vor seinem unglücklichen Ausscheiden hatte Pereiro Platz 15 im Gesamtklassement belegt. Vor zwei Jahren war er hinter Floyd Landis Gesamtzweiter der Tour geworden, später aber wegen des positiven Dopingbefundes bei dem US-Amerikaner zum Sieger erklärt worden.

In einen weiteren Sturz war auch Gerolsteiner-Fahrer Sebastian Lang verwickelt. Allerdings kam der 28-jährige Erfurter mit leichten Schürfwunden davon und konnte das Rennen fortsetzen. Das gepunktete Trikot des Führenden in der Bergpreiswertung, das er die vergangenen drei Etappen getragen hatte, verlor Lang unterdessen an seinen Teamkollegen Kohl.

Cavendish tritt nicht mehr an

Gar nicht erst angetreten war am Sonntagmorgen der viermalige Etappensieger Mark Cavendish. Der britische Sprintspezialist vom T-Mobile-Nachfolgeteam Columbia gab das Rennen vor den schweren Alpenpassagen auf, um sich in den kommenden drei Wochen ganz auf die Olympischen Spiele in Peking vorbereiten zu können. Bei seinem Tourdebüt im vergangenen Jahr war Cavendish nach mehreren Stürzen ebenfalls vorzeitig ausgestiegen.

Am Montag steht für die Fahrer der zweite Ruhetag auf dem Programm, ehe mit der 16. Etappe am Dienstag der Kampf um den Gesamtsieg in die entscheidende Phase geht. Das 157km lange Teilstück von Cuneo nach Jausiers führt über zwei Bergwertungen der höchsten Kategorie und erreicht am Cime de la Bonette oberhalb des Restefond-Pass" das "Dach der Tour". Die mit 2802m höchste Passstraße der Alpen ist nach 1962, 1964 und 1993 erst zum vierten Mal Teil der Tourstrecke.