2008.07.26 Neuss : Schumacher dominiert Zeitfahren, Sastre die Tour

Während sich Stefan Schumacher einen eindrucksvollen Sieg im letzten Zeitfahren der diesjährigen Tour de France sicherte, ist Carlos Sastre der Gesamtsieg wohl nicht mehr zu nehmen.

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Zeitfahrsieg für Stefan Schumacher

Stefan Schumacher hat die Zeitfahrspezialisten erneut düpiert und Carlos Sastre steht vor dem Gesamtsieg der 95. Tour de France. Während der Gesamt-Spitzenreiter aus Spanien im 53km langen Kampf gegen die Uhr einen Vorsprung von 1:05 Minuten auf seinen australischen Rivalen Cadel Evans behauptete und damit am Sonntag im Gelben Trikot nach Paris fährt, wiederholte "Schumi" völlig überraschend seinen Erfolg vom ersten Zeitfahren vor 18 Tagen. Das glänzende Ergebnis für das Team Gerolsteiner komplettierte der Österreicher Bernhard Kohl, der ebenfalls über sich hinaus wuchs und als Dritter seinen Podiumsplatz erfolgreich verteidigte.

Wie entfesselt fuhr erneut Schumacher, der mit 1:03:50 Stunden im Ziel in St. Amand-Montrond 21 Sekunden Vorsprung auf den zweimaligen Weltmeister Fabian Cancellara (Schweiz) aufwies. "Unser Team hat einfach eine Welle erwischt, die Tour ist für uns super gelaufen", erklärte der WM-Dritte aus Nürtingen. Sein eigener Erfolg kam für den 27-Jährigen nicht so überraschend: "Ich wusste, dass ich noch gute Beine hatte und habe schnell meinen Rhythmus gefunden. Ich habe das erste Mal über drei Wochen eine konstante Form gehalten."

Auch Kohl, der bereits als Gewinner des Bergtrikots feststand, lieferte eine für seine Verhältnisse überragende Leistung ab. "Das hätte ich absolut nicht erwartet. Auf das Podium zu fahren bei der Tour ist einfach Wahnsinn. Ich kann es noch gar nicht fassen", sagte der Kletterspezialist.

Sastre verliert nur wenige Sekunden

Unterdessen waren auch Sastre im Gelben Trikot auf dem Zeitfahrkurs scheinbar Flügel gewachsen. Gegenüber dem favorisierten Evans verlor der 33-Jährige als Tages-Zwölfter nur wenige Sekunden und steht so unmittelbar vor dem größten Erfolg seiner Karriere. Die Führung in der Gesamtwertung hatte der Tourdritte von 2006 mit seinem Etappensieg in Alpe d'Huez am Mittwoch erkämpft.

Dagegen verlief das entscheidende Zeitfahren für Evans enttäuschend. Der Lotto-Kapitän, der Etappensiebter wurde, fand nie zu seinem Rhythmus und lag schon bei der ersten Zwischenzeit klar hinter Schumacher zurück. Auch gegenüber Sastre konnte der 31-Jährige seine üblichen Qualitäten im Kampf gegen die Uhr nie ausspielen, sodass er wohl wie im vergangenen Jahr mit dem zweiten Gesamtplatz Vorlieb nehmen muss.

Noch bei der ersten Zwischenzeit, bei der Schumacher gleichauf mit Cancellara lag, hatte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer die Erwartungen gedämpft. "Das ist sensationell. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er das bis zum Schluss durchhält." Im Ziel war der 54-Jährige dann völlig überwältigt: "Eine überragende Leistung. Das hätte ich nicht erwartet." Holczers Glück machte Kohl perfekt, der als Neunter der Tageswertung seinen dritten Platz behauptete.

Auch Lang mit gutem Ergebnis

Ein gutes Ergebnis erzielte auch Schumachers Teamkollege Sebastian Lang als Achter (1:06:09 Stunden). Nachdem der zweimalige WM-Fünfte dieser Disziplin beim ersten Zeitfahren als 19. noch deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben war, konnte er sich diesmal klar steigern. "Der Kurs war schwerer als erwartet, aber ich bin zufrieden, wie es für mich gelaufen ist. Nachdem ich in dieser Tour sehr viel für Bernhard Kohl gearbeitet habe, hielten sich meine eigenen Ambitionen jedoch in Grenzen", erklärte der 28 Jahre alte Erfurter.

Dagegen musste der Berliner Jens Voigt den zurückliegenden drei Wochen deutlich mehr Tribut zollen. Für den CSC-Fahrer, der zur Unterstützung seines Kapitäns Sastre auf zahlreichen Etappen viel Tempoarbeit hatte leisten müssen, reichte es diesmal nur zum 14. Rang (1:06:49 Stunden) - sieben Plätze schlechter als bei seinem glänzenden siebten Rang von Cholet. "Nach den schweren drei Wochen, in denen ich viel arbeiten musste, bin ich ganz zufrieden", sagte der 36-Jährige.

Das letzte Zeitfahren brachte in der Tour-Geschichte schon häufiger die Entscheidung im Gesamtklassement. Erst im vergangenen Jahr rettete der Spanier Alberto Contador 23 Sekunden seines Vorsprungs von 1:50 Minuten auf den zweitplatzierten Evans und holte sich damit den Toursieg. Ein Jahr zuvor überflügelte Floyd Landis im entscheidenden Zeitfahren den Spanier Oscar Pereiro, wobei dem Amerikaner das Gelbe Trikot wegen Testosteron-Dopings nachträglich wieder aberkannt wurde. Das knappste Duell lieferten sich Greg LeMond aus den USA und der Franzose Laurent Fignon 1989, als LeMond den abschließenden Kampf gegen die Uhr in Paris gewann und damit Fignon im Gesamtklassement noch um 8 Sekunden distanzierte.

Wenn die 95. Frankreich-Rundfahrt am Sonntag traditionell mit der Schlussetappe auf den Champs-Elysees zu Ende geht, wird es indes keinen Angriff auf den Spitzenreiter mehr geben. Mit dem 143km langen 21. Teilstück, das in Etampes vor den Toren der französischen Hauptstadt gestartet wird, komplettiert die Tour ihre diesjährige Gesamtlänge von 3559,5km. Wie üblich werden die Mannschaften der besten Sprinter alles dafür tun, im Finale einen Massenspurt herbeizuführen.