2008.08.12 Neuss : Deutschland-Achter scheidet im Hoffnungslauf aus

Das Paradeboot des DRV hat bei der olympischen Ruder-Regatta den Endlauf verpasst. Im Hoffnungslauf kam der deutsche Achter nur als Letzter von sechs Startern ins Ziel.

nse
Olympia-Aus für den deutschen Achter

Der einst so ruhmreiche Deutschland-Achter hat auf dem olympischen Gewässer im Shunyi Park den schlimmsten Schiffbruch seit acht Jahren erlitten. Nachdem sie das deutsche Flaggschiff auf dem sechsten und letzten Platz im Hoffnungslauf versenkt hatten, hockten die Ruderer völlig entkräftet minutenlang mit hängenden Köpfen im Boot. Wie es weitergeht, steht in den Sternen, über mögliche personelle Konsequenzen wird in den kommenden Tagen gesprochen.

"An so ein Desaster kann ich mich nicht erinnern. Da kann man sich lieber wünschen, nicht an den Start zu gehen. Das steht ewig im Lebenslauf der Ruderer", meinte Roland Baar, der das DRV-Paradeboot 1996 als Schlagmann mit Silber in Atlanta zur bisher letzten Olympia-Medaille geführt hatte.

Während der sechsmalige Achter-Weltmeister seine Analyse machte und Slalom-Kanute Alexander Grimm wenige Meter entfernt die erste deutsche Goldmedaille holte, lag Crew-Mitglied Jochen Urban nach dem Debakel verlassen auf dem Steg. Der Krefelder vergrub sein Gesicht in seinen Händen und wollte alles um sich herum vergessen. Der erst 65 Tage vor Peking zusammengestellte Achter lag nach dem ersten Viertel der 2000m Strecke noch auf Platz zwei hinter de später Sieger USA. Doch dann musste die Besatzung um Schlagmann Andreas Penkner (Radolfzell) mit ansehen, wie Australien, der Olympia-Zweite Niederlande, Polen und sogar Gastgeber China vorbeizogen.

Penkner: "Uns haben die Kräfte verlassen"

Wir sind aggressiv rausgegangen. Aber dann haben uns die Kräfte verlassen", meinte Penkner, während ein paar Teamkollegen sogar einige Tränen verdrückten. Dem Achter fehlten im Ziel über vier Sekunden auf Außenseiter Polen, die als Vierter noch den Finaleinzug schaffte.

Bei Steuermann Peter Thiede müssen da wohl Erinnerungen an die Olympia-Saison 2000 hochgekommen sein. Damals hatte der Achter die Teilnahme an den Sommerspielen in Sydney verpasst. Der Dortmunder machte die fehlende Vorbereitungszeit für das Fiasko in Peking verantwortlich.

Falsche Entscheidungen im Vorfeld

Vier bis sechs Wochen hätten gefehlt, so Thiede, der einen weiteren Ansatzpunkt für das Scheitern ausmachte: "Wir hätten die besten Kräfte bündeln müssen. Das haben wir nicht geschafft." Einige der besten Kräfte der vergangenen Jahre verfolgten das Rennen in Deutschland. Der DRV hatte Anfang Juni entschieden, einen Großteil des Achters, der 2006 in Eton Weltmeister wurde und im vergangenen Jahr in München WM-Silber geholt hatte, wegen Erfolglosigkeit zu Beginn der Saison auszusortieren und Bundestrainer Dieter Grahn zu entmachten.

"Das hier übertrifft selbst meine schlimmsten Befürchtungen. Besonders tut es mir für den deutschen Rudersport leid", sagte der "alte" Schlagmann Bernd Heidicker dem sid. Heidicker hatte das Rennen im Live-Ticker auf der Arbeit verfolgt.

Mit solchen Aussagen hatte Matthias Flach unterdessen schon gerechnet. "Einige werden jetzt zu Hause den Mund aufreißen, zum Teil mit Recht", meinte Flach kurz nach dem enttäuschenden Lauf. Der in der Kritik stehende Sportdirektor Michael Müller und DRV-Präsident Siegfried Kaidel hatten hingegen ihre eigene Sicht der Dinge. Es sei ein super Rennen bis 1850m gewesen, meinte Kaidel, während Müller ein "sehr beherztes Auftreten" sah. Es würde keinen Grund geben, jetzt zu sagen, der Weg wäre nicht richtig gewesen.

Roland Baar sprach da schon deutlichere Worte, nachdem die vier besten Zweierteams der Kleinbootmeisterschaften im Frühjahr im Großboot versagt hatten. "Die Leute, die für die Zusammenstellung verantwortlich waren, müssen Verantwortung übernehmen", meinte Baar, der dem "alten" Achter aber auch keinen Freibrief ausstellen wollte. WM-Silber im vergangenen Jahr sei etwas überschätzt worden, beide Achter hätten gegeneinander fahren müssen.

Neuer Cheftrainer nach Olympia

Präsident Kaidel schloss personelle Konsequenzen zunächst aus. "Nach Olympia wird ein neuer Cheftrainer eingestellt. Mit ihm müssen wir die Richtung abstimmen", sagte der Schweinfurter. Auch Achter-Trainer Christian Viedt wollte die Entwicklung beim Verband erstmal abwarten. "Ich bin nur Angestellter beim DRV. Ich habe nicht über die Zukunft zu entscheiden", sagte Viedt, der bemängelte, dass ein wenig die Erfahrung gefehlt habe.

Am Tag des Achter-Desasters gab es auch kleine Lichtblicke. So zog die viermalige Olympiasiegerin Kathrin Boron (Potsdam) mit dem Doppelvierer ebenso ins Finale ein wie die Europameisterinnen Lenka Wech/Maren Derlien (Saarbrücken/Hamburg) im Zweier ohne Steuerfrau.

Noch deutsche Hoffnungen

Den Endlauf hatten am Montag schon Annekatrin Thiele/Christiane Huth (Leipzig/Potsdam) im Doppelzweier erreicht. Am Mittwoch und Donnerstag können nun noch neun weitere deutsche Boote in den Halbfinals und Hoffnungsläufen folgen.