2008.08.19 Neuss : Heiner Brand holt zum Rundumschlag aus

Handball-Bundestrainer Heiner Brand listet nach dem Vorrunden-Aus bei Olympia die Mängel bei Spielern und im deutschen Handball-System auf. Die Spieler geben sich selbstkritisch.

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Heiner Brand fordert Neuerungen

Keine Siegermentalität, zu wenig Nachwuchs und fast keine Zeit zum Neuaufbau: Mitten im Olympia-Frust schlug Heiner Brand Alarm. "Ich hatte Probleme mit der Mentalität mancher Leute, die Torchancen nicht mit vollstem Einsatz wahrgenommen haben. Jeder weiß, dass man im Notfall mit dem Ball ins Tor springen muss", meinte der Handball-Bundestrainer, der das bittere Vorrunden-Aus im letzten Gruppenspiel gegen Dänemark noch am besten verkraftet zu haben schien.

Seine zunächst in Tränen aufgelösten Spieler versuchten den Frust am Abend danach mit Bier zu betäuben - und übten sich in kritischer Selbsteinschätzung. "Das war meine bitterste Lektion. Ich hoffe, dass ich selber daraus lerne, und das sollte jeder von uns tun. Jeder muss sich selber fragen, ob er wirklich alles gegeben und alles hintenangestellt hat", sagte Torwart Johannes Bitter. Auch Abwehrchef Oliver Roggisch meinte, jeder Einzelne habe "sicher nicht alles gegeben für den Erfolg".

Kader nicht ausgeglichen genug besetzt

So reichten die, die in Peking waren, eben nicht, um dem deutschen Handball die nächste Olympia-Medaille nach Athen 2004 zu bescheren. Nach dem Rücktritt von Markus Baur und Verletzungen von Oleg Velyky, Lars Kaufmann und Pascal Hens war der Kader schlicht nicht ausgeglichen genug besetzt. Und genau dort sieht Brand das nächste Problem.

"Seit nahezu zwölf Jahren haben ich immer wieder angemahnt, dass junge Spieler gefördert werden müssen", sagt der Erfolgscoach, "sonst wird irgendwann dieser Zustand, den wir jetzt gerade erleben, zum Normalfall, und das darf im Sinne des Handballs nicht sein." Präsident Ulrich Strombach vom Deutschen Handballbund (DHB) will die Botschaft verstanden haben.

Erfolge in Jugend-Mannschaften tragen keine Früchte

Nach Analysen, die "noch einige Tagen und Wochen in Anspruch nehmen werden", will er auf jeden Fall Konsequenzen ziehen. Das gelte natürlich auch für den Frauen-Bereich. Strombach: "Wir müssen uns die Frage stellen, woran es liegt, wenn wir in der Jugendarbeit Erfolge erzielen, aber die großen Mannschaften nicht ausreichend mit Spielern bestücken können." Erst in den vergangenen Wochen hatten deutsche Nachwuchsteams Titel und Medaillen bei internationalen Meisterschaften gesammelt.

Die Diskussion ist freilich nicht neu. Brand liefert sich seit Jahren immer wieder Auseinandersetzungen mit den Bundesliga-Klubs über Ausländerbeschränkungen oder Quoten für den eigenen Nachwuchs. Diesmal ist Strombach aber optimistisch, dass eine mit EU-Recht vereinbarte Selbstbeschränkung in Sachen Ausländereinsatz kommen kann.

Große Erwartungen in Ulrich Strombach

Schließlich sei der neue Präsident der Klub-Vereinigung Handball-Bundesliga (HBL) "einer von uns", so Strombach. Tatsächlich ist der im Juni gewählte Reiner Witte derzeit noch Vize-Präsident des DHB. In Peking zeigte er sich "verhalten zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden werden".

Bei den Vereinen sieht er keine vollkommene Abwehrhaltung mehr. "Aber es würde nicht ausreichen, wenn eine Selbstbeschränkung dazu führt, dass mehr Deutsche im Kader stehen. Wir müssen dazu kommen, dass sie auf dem Spielbericht stehen", so Witte.

"Keinen Grund, alles umzukrempeln"

Heiner Brand will in der aktuellen Mannschaft jedenfalls über alle Positionen nachdenken. Allzu viel Zeit hat er nicht, im Januar muss sein Team bei der WM in Kroatien den Titel verteidigen. "Wir wissen noch nicht, mit welcher Mannschaft wir bei der WM spielen werden. Es gibt keinen Grund, alles umzukrempeln. Es wird aber ein paar Veränderungen geben, da ich mittelfristig plane", sagt Brand.

Es gebe ein paar neue Namen, die in Zukunft dazukommen. Dazu gehören laut Brand der schon in Peking als Hens-Ersatz nachgerückte Sven-Sören Christophersen (Wetzlar) ebenso wie Michael Müller (Großwallstadt) und Martin Strobel (Lemgo).