2008.10.12 Neuss : Löw setzt Kuranyi nach Eklat vor die Tür

Bundestrainer Joachim Löw hat auf die eigenmächtige Abreise von Kevin Kuranyi nach dem Länderspiel in Dortmund reagiert und den Stürmer aus der Nationalmannschaft geworfen.

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Kevin Kuranyi ist abgetaucht

Kevin Kuranyi ist nach einer verblüffenden Nacht- und Nebelaktion am Sonntag hochkant aus der deutschen Nationalmannschaft geworfen worden. "So wie Kevin reagiert hat, kann ich das nicht akzeptieren und werde ihn deshalb in Zukunft nicht mehr für die Nationalmannschaft nominieren", sagte Bundestrainer Joachim Löw. Er zeigte sich tief enttäuscht und wütend über das Verhalten des 26-Jährigen, der sich praktisch in der Halbzeit des WM-Qualifikationsspiel der DFB-Auswahl gegen Russland (2:1) aus Enttäuschung über seine Nichtberücksichtigung von der Mannschaft abgesetzt hatte.

Löw hatte seinen Entschluss zuvor Theo Zwanziger mitgeteilt, der dem Bundestrainer volle Rückendeckung gab. "Die Entscheidung war schlüssig, folgerichtig und und logisch. Ich bin über das Verhalten von Kuranyi sehr enttäuscht. Joachim Löw hatte gar keine andere Wahl, das ist alles sehr bedauerlich", sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dem Sport-Informations-Dienst (sid). Nach Uli Stein (1986) und Stefan Effenberg (1994) ist Kuranyi der dritte prominente Spieler, der wegen einer Entgleisung im DFB-Team suspendiert wurde.

Plötzlich verschwunden

Der Schalker Stürmer hatte in Dortmund für einen großen Eklat gesorgt. Kuranyi, der für die Begegnung am Samstagabend in Dortmund von Löw nicht in den 18er-Kader berufen worden war und wie sein Klubkollege Jermaine Jones das Spiel auf der Tribüne verfolgen musste, war nicht zur Rückfahrt am Mannschaftsbus erschienen und hatte auch am Sonntag keinen Kontakt mehr zur Mannschaftsführung aufgenommen.

Mit diesem Verhalten hat er nicht nur Löw und den gesamten DFB gegen sich aufgebracht. "Mir fehlen die Worte für das, was Kevin getan hat. Es war eine Kurzschlussreaktion, aber das darf er nicht machen. Ich habe ihm bereits meine Meinung zu dem Thema gesagt, werde aber später noch einmal in Ruhe mit ihm darüber sprechen", sagte sein Vater Kont Kuranyi der Zeitung Die Welt.

Derweil versuchte Kuranyis Berater, seinen Mandanten zu verteidigen und Verständnis für ihn zu wecken. "Er hat diese emotionale Entscheidung getroffen und die muss man akzeptieren", meinte Roger Wittmann im sid-Gespräch.

Bislang kein Statement von Kuranyi

Wittmann wollte das Verhalten seines Klienten nicht gutheißen, stellte aber auch fest: "Er hat keine goldenen Löffel geklaut, sondern ist nur nach Hause gefahren. Ob er zurückgetreten ist, kann ich nicht sagen. Erwachsene Menschen setzen sich bei Schwierigkeiten an den Tisch. Jetzt wollen wir aber erst mal einige Tage ins Land gehen lassen", meinte er weiter.

Kuranyi, der seit seinem Debüt in der DFB-Auswahl am 29. März 2003 in Nürnberg beim 1:1 gegen Litauen in 52 Länderspielen 19 Tore erzielte, ging nach seiner Flucht aus Dortmund auf Tauchstation.

Teammanager Oliver Bierhoff hatte bereits in der Nacht zum Sonntag vergeblich versucht, Kuranyi zu erreichen. Selbst nachdem in der Nacht zwei Bekannte von Kuranyi im Düsseldorfer Hilton-Hotel, wo die DFB-Auswahl Quartier bezogen hat, die persönlichen Sachen des 52-maligen Nationalspielers abgeholt hatten, versuchten die DFB-Verantwortlichen weiter Kontakt zu dem abtrünnigen Spieler zu bekommen, um die Gründe für dessen Verhalten zu erfahren. Nachdem Wittmann aber im DSF erklärt hatte, dass lediglich sportliche Gründe Kuranyi zur vozeitigen Abreise veranlasst hatten, sah sich Löw offenbar zum Handeln gezwungen.

Kuranyi hatte die erste Hälfte des Spiels mit Jones und den Teambetreuern auf der Tribüne hinter den Spielerbänken verfolgt. In der Pause bat er die DFB-Verantwortlichen, auf die Gegenseite zu wechseln, um sich auf der Haupttribüne mit Freunden zu treffen. Diesem Wunsch wurde entsprochen.

Als sich Kuranyi dann eine gute Stunde nach Abpfiff immer noch nicht am Mannschaftsbus eingefunden hatte und die Suche nach ihm vergeblich verlaufen war, gab der Bundestrainer das Signal zur Abfahrt in Richtung Düsseldorf - ohne den Schalker.

In Gesellschaft mit Effenberg und Stein

Bereits vor der WM 2006 hatte es mächtig Wirbel um den Ex-Stuttgarter gegeben, als er vom damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und dessen damaligen Assistenten Löw überraschend nicht für das Turnier in Deutschland nominiert worden war. Nach guten Leistungen bei Schalke feierte Kuranyi im Februar 2007 dann aber sein Comeback im DFB-Trikot, ehe er sich am Samstag als Skandal-Spieler neben Effenberg und Stein einreihte.

Effenberg hatte während der WM 1994 in den USA nach dem Gruppenspiel gegen Südkorea (3:2) in Dallas einigen unzufriedenen deutschen Fans den "Stinkefinger" gezeigt und war deshalb vom damaligen Bundestrainer Berti Vogts nach Rücksprache mit dem heutigen DFB-Ehrenpräsidenten Egidius Braun noch während der Weltmeisterschaft ausgeschlossen worden, ehe er später nochmals ein Kurz-Comeback in der deutschen Mannschaft gab.

Stein war bei der WM-Endrunde 1986 in Mexiko vom damaligen DFB-Chef Hermann Neuberger vorzeitig nach Hause geschickt worden, nachdem der Torwart Teamchef Franz Beckenbauer als "Suppenkasper" bezeichnet hatte.