2008.10.21 Neuss : Schneider: "Kann das noch nicht richtig begreifen"

Bernd Schneider kehrt der Motorsport-Bühne am Sonntag endgültig den Rücken zu. Vor seinem letzten Rennen sprach der Routinier mit dem Sport-Informations-Dienst (sid).

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Im Interview: Bernd Schneider

DTM-Pilot Bernd Schneider hat seinen Rücktritt vom aktiven Sportgeschehen erklärt. Am Sonntag steigt der 44-Jährige letztmalig bei einem Rennen in einen DTM-Wagen. Der Sport-Informations-Dienst (sid) hat mit Bernd Schneider über seinen Rücktritt gesprochen.

sid: "Nach so vielen Jahren im Motorsport hängen Sie den Helm nach dem DTM-Finale am Sonntag in Hockenheim an den Nagel. Wann haben Sie diese Entscheidung getroffen?"

Bernd Schneider: "Ich habe in den vergangenen Jahren ja oft darüber nachgedacht, wann der beste Zeitpunkt ist, um aufzuhören. Nach dem DTM-Rennen in Le Mans habe ich dann mit Mercedes-Sportchef Norbert Haug darüber gesprochen. Da habe ich den Entschluss gefasst und gesagt: So das war's. Man weiß nie, wann es Zeit ist zu gehen. Ich hoffe, dass ich im richtigen Moment den Absprung geschafft habe. Ich möchte nicht, dass die Leute sagen: Mensch, der ist solange gefahren, dass er aufhören musste."

sid: "Diesmal haben Sie sich nicht überreden lassen und noch ein Jahr drangehängt. Warum nicht?"

Schneider: "Ich habe mal gesagt, dass 44, 45 so das richtige Alter ist, um mit dem Rennfahren aufzuhören. Natürlich macht es mir noch viel Spaß, aber ich habe auch gemerkt, dass da jetzt eine andere Generation von Fahrern nachgekommen ist."

sid: "Es klingt, als sei Ihnen die Entscheidung leicht gefallen. Oder täuscht das?

Schneider: "Das täuscht bestimmt. Im Moment kann ich das selbst noch nicht richtig begreifen, denn ich fahre ja noch in Hockenheim. Ich denke, das wird ein sehr, sehr bewegender Augenblick sein, wenn ich am Sonntag meine letzten Runden fahre. Es wird danach ja große Veränderungen in meinem Leben geben, - nicht nur beim Rennfahren, auch privat. Ich verlasse nach 20 Jahren Monaco und ziehe in die Schweiz."

sid: "Gibt es eine besondere Vorbereitung auf das letzte Rennen der Karriere?"

Schneider: "Nein, das gehe ich wie immer an. Ich will meine beste Leistung bringen und am liebsten dort gewinnen. Hockenheim ist eines meiner Lieblingsrennen. Auf der anderen Seite will ich den Tag natürlich genießen, denn es ist schließlich mein letztes DTM-Rennen. Es wird mir wahrscheinlich immer in Erinnerung bleiben, deshalb muss ich auch erfolgreich sein. Einfach nur mitfahren - sowas kommt für mich nicht in Frage."

sid: "In Ihrem letzten Rennen geht es auch noch um den DTM-Titel. Mercedes-Kollege Paul di Resta liegt nur zwei Punkte hinter Audi-Pilot Timo Scheider zurück. Wer wird Meister?"

Schneider: "Natürlich drücke ich Paul di Resta ganz fest die Daumen. Wir alle bei Mercedes werden alles dafür tun, dass er es schafft. Paul war die letzten Rennen immer vorne dabei, er war immer siegfähig. Der Mann hat keine Nerven, der kommt nach Hockenheim, um zu gewinnen."

sid: "Wie hat sich Ihr prominenter Markenkollege Ralf Schumacher in seinem ersten DTM-Jahr geschlagen?"

Schneider: "Ralf hat sich sehr gut geschlagen, er hat sogar die Erwartungen übertroffen. Viele hatten ihm das so nicht zugetraut, er hat mich auf jeden Fall beeindruckt. Ralf ist eine Bereicherung für das ganze Team. Er ist auch gut für die Stimmung. Es wird viel gelacht, wir haben Spaß miteinander, er ist einfach ein netter Kerl."

sid: "Nach Hockenheim wird es eine DTM ohne Bernd Schneider geben. Das können sich viele kaum vorstellen ..."

Schneider: "In der Formel 1 haben alle nach Michael Schumachers Rücktritt gedacht, das sei das Ende. Dann kam Lewis Hamilton und hat für einen neuen Boom gesorgt. Genauso wird es in der DTM weitergehen - auch ohne Bernd Schneider."

sid: "Was machen Sie im Ruhestand?"

Schneider: "Ich bin AMG-Markenbotschafter, das heißt, man wird mich an der Rennstrecke wiedersehen. Es hat mir immer Spaß gemacht, dass ich in AMG-Projekte mit eingebunden werde. Und Norbert Haug wird sicher auch die eine oder andere Aufgabe für mich haben. Ich habe auch noch mein eigenes Rennteam beim ADAC Formel Masters, wo ich zwei Junioren einsetze - ich habe richtig viel zu tun."

sid: "Die Decke wird Ihnen also nicht auf den Kopf fallen?"

Schneider: "Wenn man mit dem Rennfahren aufhört, denkt man am Anfang: Oh, hoffentlich langweile ich mich nicht. Mittlerweile muss ich mir allerdings ernsthaft Gedanken darüber machen, ob es nicht stressiger wird als das Leben, das ich bisher hatte."

sid: "Sie werden aber sicher nicht wie Michael Schumacher Ihr Glück auf dem Motorrad versuchen ..."

Schneider: "Jeder muss seiner Leidenschaft nachgehen, Motorrad fahren war aber nie etwas für mich. Außerdem hat mein Vater mich von Anfang an davor gewarnt, das sei einfach zu gefährlich. Fallen muss auch gelernt sein, und mit 44 muss ich das meinem Körper nicht mehr antun."

sid: "Für die Fans sind Sie Mister DTM oder der Schumi der DTM. Wie gefallen Ihnen diese Bezeichnungen?"

Schneider: "Beides ist eine Auszeichnung für mich. Wenn man mit dem besten Rennfahrer, den es je gab, in einen Topf geworfen wird, ist das eine große Ehre. Es macht mich stolz, wenn man mich so nennt."

sid: "Was war für Sie als Rennfahrer der vielleicht schönste Moment?"

Schneider: "Gottlob hatte ich eine so lange Karriere mit so vielen Erfolgen, da kann ich mich gar nicht auf eine ganz bestimmte Sache festlegen. Ich habe wahrscheinlich zuviele schöne Augenblicke gehabt. Und es ist für mich immer noch wie ein Traum, dass ich das alles erleben durfte."