2008.10.22 Neuss : Trautmann feiert 85. Geburtstag im kleinen Kreis

Bert Trautman ist in England eine Legende. Der Torwart, der über 600 Spiele für Manchester City absolvierte, gewann 1956 mit gebrochenem Genick den FA-Cup. Heute hat er Geburtstag.

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Bert Trautmann

Die Sache mit dem Genickbruch ist in Spanien weitgehend unbekannt. Ein Glück für Bert Trautmann, denn kurz vor dem 85. Geburtstag am heutigen Mittwoch war er des Erzählens müde. Zum Bäcker, zum Blumenladen, ins Restaurant zu gehen, ohne ständig "die Geschichte mit der Queen" nach dem "Flugzeugzusammenstoß" aus dem Gedächtnis kramen zu müssen - für Trautmann ist das Luxus.

In die Nähe von Valencia hat er sich vor vielen Jahren zurückgezogen, "weil die Sonne den Knochen gut tut". Schließlich schmerzt der Hals manchmal, da ist Wärme angenehm. Seinen Ehrentag feiert der Kult-Torhüter, der als Kriegsgefangener die Herzen aller Engländer eroberte, ganz ruhig im Kreise der Familie. Beim Anstoßen mit Ehefrau Marlies muss wohl ein Blick aus dem Augenwinkel genügen - "meinen Hals kann ich nicht mehr so weit drehen", erzählt er, und er berichtet stolz: "Aber ich habe aufgehört zu rauchen." Mit 84.

Und einmal muss er sie doch noch erzählen, jene unglaubliche Geschichte, die ihn in England zum Superstar machte und wohl auch die Fans dazu trieb, ihn zum besten Spieler Manchester Citys aller Zeiten zu wählen. Immerhin: "Früher hat mich das noch mehr genervt. Meine Güte, habe ich da immer gedacht: Das bleibt nun von 15 Jahren und über 600 Spielen eine Szene."

Genickbruch im Pokalfinale

Was der rüstige Senior lapidar mit "das" betitelt, ist in England eine echte Fußball-Legende. Wembleystadion, 5. Mai 1956, FA-Cup-Finale, "ManCity" gegen Birmingham, 3:1. "Wembley war doch das Höchste im Fußball: einmal da spielen dürfen. Und bei meinem zweiten Finale dort pralle ich mit Peter Murphy zusammen, das fühlte sich an wie ein Flugzeugzusammenstoß."

Eine Flanke in den Fünfmeterraum, Trautmann stürmt waghalsig aus seinem Tor und wird mit voller Wucht von Murphys Knie getroffen. Der Keeper schwankt, taumelt, stolpert rückwärts, fasst sich an den Hals. Ein Krawattenträger im Trenchcoat muss den baumlangen Kerl aus Bremen stützen.

Jahrzehntelang strahlt die BBC diese Bilder vor jedem FA-Cup-Endspiel aus. Ob er Schmerzen spürte? "Und wie", sagt Trautmann: "Aber ich war nicht mehr bei Bewusstsein, habe die Spieler nur noch schemenhaft wahrgenommen." Bert spielt weiter, Auswechslungen gibt es nicht. Er zeigt noch mehrere spektakuläre Paraden, "drei, vier Mal" bricht er zusammen.

Als ein Stürmer alleine auf ihn zuläuft, wirft er sich vor dessen Füße, und zwei Spieler knallen auf seinen Oberkörper. Aber als die Queen ihm später gratuliert und Prinz Philip sich nach dem Befinden erkundigt, sagt er mit seiner norddeutschen Gelassenheit: "Ich habe einen steifen Hals."

Rund 50 Jahre später steht er bei einem Staatsempfang wieder vor der Königin, doch diese erkennt ihn nicht. "I'm the player who broke his neck", sagt Trautmann, und Elizabeth II. antwortet: "Yes, now I know." So geht es ihm immer. Und doch vermisst er England. Wo es ihn als Fallschirmjäger ins Kriegsgefangenencamp 180 in Cheshire verschlug, "von einer Zentnerlast befreit, weil ich dort nicht mehr getötet werden konnte."

Anfängliche Abneigung der englischen Fans

Er macht Karriere, wird von City entdeckt, aber nach seiner Verpflichtung laufen die Fans Sturm. "40.000 gingen damals auf die Straße", sagt er, er wird von der Tribüne aus bespuckt, der Rabbi von Manchester muss zur Mäßigung aufrufen. Heute ist eine Stiftung nach ihm benannt - sie soll Engländer und Deutsche zusammenbringen. Trautmann selbst ist seit 2004 Officer of the Order of the British Empire, ehrenhalber.

Im November ist der einzige Deutsche neben Jürgen Klinsmann, der Englands "Fußballer des Jahres" (1956) wurde, Schirmherr eines deutsch-englischen Fanturniers. Und er besucht das Länderspiel gegen England, obwohl er dem Fußball von heute nichts abgewinnen kann.

"Es gibt Torhüter", erzählt er fast beleidigt, "die kassieren Kopfballtore aus fünf Metern. Unsere Spieler haben sich bei Flanken damals schon umgedreht, weil sie wussten: Die hab ich. Der 'moderne Fußball' ist ein Blödsinnsbegriff."