2008.10.23 Neuss : Frings springt Ballack zur Seite und legt nach

Im Lager der deutschen Nationalmannschaft ist keine Ruhe in Sicht. Mittelfeldspieler Torsten Frings erneuerte seine Kritik an Bundestrainer Joachim Löw und stärkte Michael Ballack.

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Torsten Frings (l.) läutet den nächsten Akt ein

Der Friedensgipfel zwischen Joachim Löw und Michael Ballack wirft seine Schatten voraus, derweil stellt sich Torsten Frings immer weiter ins Abseits. Der Bremer ließ nach Werders 2:2 in der Champions League bei Panathinaikos Athen mit launigen Kommentaren und einem Witz auf Kosten des Bundestrainers keine Gelegenheit aus, seinen Rauswurf aus der Fußball-Nationalmannschaft zu provozieren.

"Was soll mir schon passieren?"

Konsequenzen fürchtet Frings offenbar nicht. "Wie soll Löw denn reagieren? Ich hab ja jetzt schon nicht gespielt. Was soll mir schon passieren?", sagte Frings, der sich besonders über die Art und Weise der Zurückstufung durch den Bundestrainer aufregte. Mit Blick auf seine Situation, die Aussagen Ballacks und der "Flucht" von Kevin Kuranyi meinte Frings: "Man sollte sich "mal Gedanken machen, warum gestandene Spieler sich so aufregen."

Der Mittelfeldspieler ließ es sich auch nicht nehmen, nach dem Spiel in Athen auf Kosten des Bundestrainers Witzchen zu machen. "Jogi Löw hat mir gerade zum Punktgewinn gratuliert", sagte der 31-Jährige und presste angestrengt sein Handy gegen sein linkes Ohr.

Seinem Nationalmannschaftskollegen Ballack sprang er zur Seite. "Es ist Ballacks gutes Recht, sich als Kapitän frei zu äußern. Er will für das Team nur das Beste", sagte er.

"Supergespann" mit Ballack

Den sportlichen Vergleich mit jüngeren Spielern werde und brauche er nicht zu scheuen. Frings: "Ich bin seit elf Jahren Profi, und mir ist noch nie etwas geschenkt worden. Ich habe mich immer allen Auseinandersetzungen gestellt." Zusammen mit Ballack bilde er ein "Supergespann, und das bereits seit den Zeiten der U21-Nationalmannschaft."

Bezüglich seines möglichen Rücktritts aus der A-Nationalmannschaft habe er noch keine Entscheidung getroffen. "Es ist nicht so, dass ich Tag und Nacht darüber nachdenke", behauptete er: "Ich werde mich mit vielen Menschen beraten und dann sehen, ob es noch eine Perspektive für mich gibt."

Werder-Sportdirektor Klaus Allofs hält nun ein klärendes Gespräch zwischen Frings und Löw für unausweichlich. "Jetzt muss direkt miteinander geredet werden. Es wäre schade, wenn ein solcher Spieler vorzeitig seine Nationalelf-Karriere beenden würde", sagte der Europameister von 1980: "Ich habe mit Torsten über seine Situation gesprochen. Zum Teil kann ich seine Beweggründe nachvollziehen.

Gerade unter Berücksichtigung der jüngsten Aussagen Löws erscheint es aber unabhängig von Frings' eigener Entscheidung unrealistisch, dass der 78-malige Nationalspieler noch einen 79. Einsatz im DFB-Dress bekommt. "Wir zwingen keinen, für die Nationalmannschaft zu spielen. Weder mit Waffengewalt, noch mit Geld", hatte Löw am Mittwoch im ersten Zorn über Ballacks Aussagen gesagt und seinen Kapitän zum Rapport nach Deutschland bestellt.

Ballack freut sich auf Dialog mit Löw

Unterdessen meldete sich Ballack erstmals seit seinem umstrittenen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung öffentlich zu Wort. "Ich freue mich, dass der Trainer wieder den Dialog mit mir sucht, und ich freue mich genauso auf unser Gespräch", sagte er der Bild-Zeitung. Ballack hob hervor, dass er "jederzeit zu diesem Vier-Augen-Gespräch" bereit sei. Einen Termin müsse der DFB allerdings mit Ballacks Arbeitgeber FC Chelsea absprechen.

Kontakt mit Löw hatte Ballack nach eigenen Angaben bis zum Mittwochabend nicht gehabt. Der DFB stellte am Donnerstag durch Mediendirektor Harald Stenger klar, dass es zu der Thematik vorerst keine weiteren Stellungnahmen gebe, da kein neuer Sachstand vorliege und "alles gesagt ist".

Nach Löws Auffassung habe kein Spieler, auch nicht der Kapitän, das Recht, in Sachen Aufstellung oder Personalpolitik den Trainer zu kritisieren "oder sogar öffentlich Stimmung gegen das Trainerteam zu machen". Sein weiteres Vorgehen will er vom Verlauf des Vier-Augen-Gespräch abhängig machen: "Alles Weitere wird man dann sehen."

Unterstützung für Löw durch Zwanziger, Sammer und Rummenigge

Uneingeschränkte Unterstützung hatte Löw bereits von DFB-Präsident Theo Zwanziger und -Sportdirektor Matthias Sammer erhalten, am Donnerstag bekam er auch Rückendeckung von Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. "Es geht nicht, dass der Bundestrainer in der Öffentlichkeit kritisiert wird. Wenn einem Kapitän etwas nicht passt, dann muss man das hinter verschlossenen Türen machen. Das ist ein Unding", sagte Rummenigge: "Michael Ballack muss einsehen, dass er weit übers Ziel hinausgeschossen ist, und sich beim Bundestrainer entschuldigen."

Er könne nur an alle appellieren, so Rummenigge, eine vernünftige Lösung zu finden: "Wir können auf Ballack als Kapitän nicht verzichten, aber Michael muss ganz schnell das Gespräch mit Joachim Löw führen, denn so etwas kann sich kein Trainer gefallen lassen.'