2008.10.30 Neuss : Hamilton gegen Massa und 100.000 Brasilianer

Lewis Hamilton gibt sich vor dem WM-Finale in Brasilien gelassen, würde doch der 5. Platz zum Titel reichen. Felipe Massa wird von 100.000 Fans in seinem "Wohnzimmer" unterstützt.

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Lewis Hamilton erwartet in Brasilien ein heißer Tanz

Lewis Hamilton gegen Felipe Massa, Wunderkind gegen Wasserträger: Privat trennen sie Welten, doch im Kampf um die Formel-1-Krone liegen sie nur sieben Punkte auseinander. Ein Jahr nach dem Albtraum von Sao Paulo nimmt der gereifte Silberpfeil-Pilot Hamilton beim Saisonfinale 2008 am Sonntag (18.00 Uhr MEZ/live bei Premiere und RTL) in Brasilien den zweiten Anlauf, um sich im Alter von 23 Jahren, 10 Monaten und 26 Tagen zum jüngsten Weltmeister der Geschichte zu krönen.

Fünfter Platz für Hamilton würde reichen

Hamilton würde schon ein fünfter Platz zum historischen Triumph reichen. Rivale Massa dagegen muss gewinnen oder Zweiter werden, um seine minimale WM-Chance überhaupt am Leben zu halten, und obendrein auf Schützenhilfe hoffen. Hamilton denkt immer noch an den Showdown 2007. "Wie heute war der Titelkampf damals offen und ich hatte meine Emotionen nicht so ganz im Griff. Ich wusste, dass ich entweder mit einem riesigen Erfolg oder einer großen Enttäuschung nach Hause fahren würde", sagte der Brite.

Mercedes-Sportchef Norbert Haug gibt in der Woche der Wahrheit nichts auf die Rechenspiele und warnt: "Der Titelgewinn ist alles andere als eine Formsache." Für Massa gebe es in Brasilien nach aktuellem Kräfteverhältnis voraussichtlich nur wenige Fahrer im Feld, die ihm den Sieg streitig machen können. Haug: "Lewis und Heikki Kovalainen gehören dazu." Und wie sieht die Weltmeister-Taktik aus? "Lewis wird mit Bedacht fahren und das Team mit Umsicht agieren, damit wir die notwendigen Punkte holen", sagt der Sportchef.

Massa verspürt "null Druck"

McLaren-Teamchef Ron Dennis schüttelt immer noch den Kopf, wenn er an das Brasilien-Desaster vor einem Jahr denkt. Damals hatte er zwei Eisen im Feuer, doch Hamilton und der ungeliebte Fernando Alonso (Spanien) versagten, stattdessen staubte "Iceman" Kimi Räikkönen (Finnland) als lachender Dritter im Ferrari den Titel ab. Deshalb will Dennis keine voreiligen Glückwünsche annehmen. "Die sieben Punkte Vorsprung bedeuten, dass es noch nicht reicht", sagt der Brite und fordert: "Wir müssen jetzt sehr diszipliniert sein, sehr umsichtig vorgehen."

Massa, den vor der Saison niemand auf der Rechnung hatte, ist schon seit Tagen in seiner Heimatstadt. Der Brasilianer, der angeblich "null Druck" verspürt, kennt den Kurs in Interlagos von kleinauf, die Strecke ist sein Wohnzimmer. Der einstige Lehrling von Rekord-Weltmeister Michael Schumacher setzt auf den Heimvorteil. "Ganz Brasilien weiß, worum es für mich geht. Sie werden mich anfeuern wie noch nie in meinem Leben" sagt der 27-Jährige.

Ein Hauch von Senna

Das Rennen ist erstmals seit der Ära des unvergessenen Ayrton Senna mit etwa 100.000 Zuschauern wieder ausverkauft. Massa: "Ich liebe es, daheim zu fahren, und ich glaube, ich fahre hier besser als sonstwo. Muss ich es noch extra betonen, wie motiviert ich bin? " Der Brasilianer braucht allerdings schon ein kleines Wunder, um seinen Traum zu verwirklichen. "Ich muss gewinnen und dann schauen, was Lewis gemacht hat", sagte er.

Sogar Ferrari-Berater Schumacher hat den Silberblick und lobt den Rivalen Hamilton: "Ich halte sehr viel von ihm. Was er in einer so kurzen Zeit erreicht hat, ist meiner Meinung nach unglaublich." Der Brite könne sogar seine Rekorde brechen, glaubt der siebenmalige Weltmeister und 91-malige GP-Sieger.

100.000 Fans mit Sambatrommeln

Hamilton hat vor dem Showdown in der Höhle des Löwen keine Angst. Trotzig kontert er Massas Kampfansage: "Wenn meine Familie da ist, dann ist das besser als 100.000 Fans auf den Tribünen. Was auch immer passiert, es ist gewiss keine Tragödie."

Sambatrommeln und Karneval auf den Rängen lassen Norbert Haug kalt. Natürlich werde die Mehrheit der Zuschauer Massa die Daumen drücken, das sei in Brasilien für ihn nicht anders als in England für Hamilton. Doch wenn die Startampel auf Grün springe, sei das alles egal, meint der Mercedes-Sportchef: "Letztlich kommt es nur auf unseren Speed, die Zuverlässigkeit, die Vermeidung von Crashs und die Cleverness bei Team und Fahrern an."