2008.11.12 Neuss : Löw nimmt deutsche Profis in die Kritik

Mangelnde Einstellung und fehlende Professionalität bemängelt Bundestrainer Joachim Löw bei den Fußballprofis in Deutschland. Gegenüber dem Ausland sieht er große Defizite.

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Bundestrainer Joachim Löw

Die Jahresabschlussfeier nutzt Joachim Löw kommende Woche offenbar zu einer Generalabrechnung mit den Bundesligaprofis im Allgemeinen und den Nationalspielern im Besonderen. "Was heißt es denn, Nationalspieler zu sein? Was heißt es denn, Vorbild für viele Kinder zu sein? Wo liegt das Problem, sich weiterzubilden, Medienschulung zu betreiben? Was heißt eine richtige Karriereplanung? Was heißt es, Teil einer Mannschaft zu sein? Das sind alles wichtige Themen, die hier in Deutschland viel zu kurz kommen. Deshalb möchte ich diese Themen angehen. Jetzt, nicht erst in fünf Jahren", sagte der Bundestrainer in einem Interview mit Sport Bild.

Damit gab der Bundestrainer seinen WM-Kandidaten schon einmal einen Vorgeschmack auf das, was sie ab kommenden Sonntag in Berlin erwartet, wo am 19. November das letzte Länderspiel der DFB-Auswahl in diesem Jahr gegen England auf dem Programm steht. Noch bevor Löw am Donnerstag in Frankfurt/Main sein Aufgebot für den Länderspiel-Klassiker bekannt gibt, machte er seinem Unmut nach einem sportlich durchaus gelungen Jahr mit bislang zehn Siegen, zwei Unentschieden, nur zwei Niederlagen und dem Sprung auf Platz zwei der FIFA-Weltrangliste Luft.

Löw sieht auch Defizite bei den Klubs

"Es ist eine Tendenz zu erkennen, dass Spieler, wenn sie mal auf der Bank sitzen, sofort ihrer Enttäuschung Luft machen. Es geht nicht, dass die Spieler die Entscheidungen der Trainer nicht akzeptieren und sich öffentlich beschweren. Das ist ein untragbarer Zustand. Da müssen wir entgegenwirken. Bei Spitzenmannschaften ist es gang und gäbe, dass Top-Spieler auch auf der Bank sitzen. Ich möchte nicht immer das Ausland glorifizieren. Aber wie zum Beispiel bei Arsenal London oder beim AC Mailand gearbeitet wird, das hat eine hohe Professionalität", sagte Löw. Damit prangerte er die Arbeitseinstellung der deutschen Profis, aber auch die Arbeitsweise der Klubs an.

"Eineinhalb Stunden auf dem Trainingsgelände zu sein, das reicht nicht, um in der Spitze zu bestehen und dauerhaft Klasse-Leistungen abrufen zu können. Wir müssen in einigen Bereichen enorm aufholen - damit wir in der Lage sind, dauerhaft in der Weltspitze dabei zu sein", warnte der Bundestrainer.

Öffentliche Diskussionen sind "schlecht für das Team"

Der 48-Jährige erklärte weiter, dass ihm das ein oder andere schon länger nicht passe. "Deshalb habe ich mir vor unseren WM-Qualifikationsspielen gegen Russland und Wales ernsthafte Gedanken darüber gemacht und ein paar Ansätze festgehalten", erläuterte der Bundestrainer, der zuletzt mit seinen Führungsspielern Michael Ballack und Torsten Frings aneinandergeraten war.

Löw räumte ein, dass diese öffentlich geführte Diskussion der Nationalmannschaft geschadet habe: "Es war schlecht für das Team. Wir sind Vize-Europameister und spielen erfolgreich in der WM-Qualifikation. Da ist es bedauerlich, wenn es heißt: Was ist denn auf einmal bei der Nationalmannschaft los?"

Auch diese Frage will Löw seinen Spielern in der Hauptstadt stellen, denen zudem noch einmal die Spielregeln für DFB-Auswahlspieler in aller Deutlichkeit klar gemacht werden sollen. Aus diesem Grund will Löw möglichst viele seiner WM-Kandidaten nach Berlin einladen.

Fritz, Wiese, Neuer und Marin vor der Rückkehr

In Absprache mit den Klubs sollen auch die zurzeit angeschlagenen oder formschwachen Spieler am Sonntag anreisen. Noch ist unklar, ob DFB-Kapitän Ballack nach seiner Fußoperation und auch Philipp Lahm (angebrochener Fußwurzelknochen) gegen England wieder zur Verfügung stehen. Der Bremer Clemens Fritz, der wohl wegen seines Muskelfaserisses ausfällt, soll ebenso wie Torwart Robert Enke nach seiner Hand-OP nach Berlin kommen.

Zu erwarten ist, dass Joachim Löw für das Spiel selbst neben der neuen Nummer eins Rene Adler und Tim Wiese auch den Schalker Keeper Manuel Neuer einlädt, dem für die WM 2010 in Südafrika gute Chancen eingeräumt werden. Auch der Gladbacher Marko Marin darf wieder mit einer Einladung rechnen.