2008.11.23 Neuss : Boll siegt in Berlin, Wu wird Zweite

Tischtennis-Europameister Timo Boll hat die German Open in Berlin nach einer emotionalen Achterbahnfahrt für sich entschieden. Erst im Finale gestoppt wurde Jiaduo Wu.

jla
Den Pfiffen zum Trotz: Timo Boll gewinnt die German Open

Timo Boll hatte bereits im Hotel ausgecheckt und saß schlecht gelaunt im Auto, um mit einer schmerzhaften Niederlage im Gepäck die Heimreise anzutreten. Doch das "Schläger-Doping" seines Viertelfinalgegners Adrian Crisan brachte den dreifachen Tischtennis-Europameister bei den German Open in Berlin unverhofft zurück ins Spiel und schließlich zum Turniersieg. Dennoch hat Bolls Status der Unbesiegbarkeit in Europa ebenso Kratzer erlitten wie sein Ego: Der sonstige Publikumsliebling wurde ausgepfiffen.

Am Ende einer emotionalen Achterbahnfahrt sicherte sich der Düsseldorfer Ausnahmekönner durch ein 4:1 (6:11, 11:5, 11:7, 11:3, 11:8) im Finale gegen Chuan Chih-Yuan (Taiwan) seinen dritten Turniersieg nach 2004 und 2006. Im Frauen-Endspiel unterlag Nationalspielerin Jiaduo Wu (Kroppach) der Österreicherin Jia Liu mit 1:4 (10:12, 11:13, 4:11, 11:9).

"Ich kann doch nichts dafür"

"Das war ein ziemliches Auf und Ab hier", sagte Boll nach dem Finale: "Ich bin trotzdem zufrieden, dass ich nach meiner kleinen Krise zurück zu meinem Spiel gefunden habe." Am Samstag hatte es in Boll noch gewaltig gebrodelt. "Ich bin bei der ganzen Geschichte der Dumme", sagte er sichtlich genervt nach dem 4:0 im Halbfinale gegen den Japaner Kaii Yoshida. "Einige Zuschauer haben mich ausgepfiffen, als die Entscheidung bekannt gegeben wurde. Aber ich kann doch gar nichts dafür. Da hört der Spaß auf."

Für Teile der Fans war es unverständlich, warum der 27-Jährige nach seiner überraschenden 3:4-Niederlage gegen den Rumänen Crisan plötzlich doch wieder am Tisch stand. Sein Kontrahent war wegen des Einsatzes eines irregulären Schlägers, bei dem die Beläge über vier Millimeter und damit zu dick waren, disqualifiziert worden. Dieser Schläger war Crisan bei der ersten Untersuchung verboten worden.

Ungewohnte Konzentrationsfehler

Boll hatte bereits im Spiel bemerkt, dass das Spielgerät nicht dem Reglement entspricht und sich offensichtlich davon verunsichern lassen. Dem Weltranglisten-Fünften und hohen Favoriten unterliefen ungewohnte Konzentrationsfehler, die bei seinen letzten Siegen bei den Austrian Open und dem Supercup nicht zu sehen waren.

"Adrian hat sehr gut gespielt und verdient gewonnen. Aber ich hatte mich schon darauf eingestellt, kampflos weiterzukommen", sagte der Düsseldorfer und forderte angesichts des zunehmenden "Tunings" der Schläger Maßnahmen seitens des internationalen Verbandes: "Das ist ein Problem für den Sport. Es gibt klare Regeln, die knallhart durchgesetzt werden müssen." Notfalls dürfe der Weltverband auch nicht vor Sperren zurückschrecken.

Auf dem Papier weiter international ungeschlagen

Die Tatsache, dass er zumindest auf dem Papier seit dem Weltcup Ende September in Lüttich bei internationalen Turnieren ungeschlagen blieb, konnte den Olympia-Zweiten mit der Mannschaft nicht wirklich besänftigen. Angesichts der Abwesenheit der chinesischen Asse um Olympiasieger Ma Lin, die den heimischen Liga-Spielbetrieb den German Open vorzogen, hatten die Experten mit einem problemlosen Durchmarsch gerechnet.

Allerdings spricht es für die Nervenstärke von Boll, dass er die Ruhe behielt und anschließend sein bestes Tischtennis präsentierte. "Ich habe danach völlig emotionslos mein Ding durchgezogen. Das war vielleicht genau das Richtige", erklärte Boll. Eigentlich wollte er nach dem ersten Hickhack nicht zurück in die Halle, ließ sich jedoch von Bundestrainer Richard Prause überreden.