2008.11.24 Neuss : Montgomery outet sich als Dopingsünder

Eine "nicht aus eigener Kraft" gewonnene Goldmedaille in Sydney hat der frühere Topsprinter Tim Montgomery zugegeben. Der US-Amerikaner gestand die Nutzung von Testosteron und HGH.

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Tim Montgomery gesteht Doping

In den Trümmern seiner Existenz hat der inhaftierte Ex-100-m-Weltrekordler Tim Montgomery auch mit seiner Doping-Vergangenheit aufgeräumt. "Ich habe eine Goldmedaille, die ich nicht aus eigener Kraft gewonnen habe", sagte der frühere US-Sprintstar dem TV-Sender HBO im Gefängnis und gestand vor laufenden Kameras die verbotene Nutzung von Testosteron und dem Wachstumshormon HGH vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney.

Sein Schuldbekenntnis bedeutet für die USA über acht Jahre nach den Spielen "down under" voraussichtlich den Verlust des dritten Staffel-Goldes und des insgesamt fünften Olympiasieges. Der heute 33-Jährige gehörte 2000 in einem Vorlauf zum später siegreichen 4x100m-Quartett der USA.

Brasiliens Staffel winkt Gold

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte den USA zuletzt nach den Doping-Geständnissen von Jerome Young, Antonio Pettigrew und Montgomerys langjähriger Lebensgefährtin Marion Jones die Goldmedaillen der 4x400m-Staffeln und Jones auch die über 100 und 200m aberkannt. Im wahrscheinlichen Fall einer Disqualifikation des US-Teams über 4x100 m winkt Brasiliens zweitplatzierter Staffel nachträglich Gold.

Montgomery gab sich in dem Interview, das in den USA am Dienstag ausgestrahlt wird, wegen der mutmaßlichen Folgen für seine Sydney-Kollegen zerknirscht und reuig: "Ich will anderen nichts wegnehmen, was sie erreicht haben. Ich spreche nur für mich und möchte mich bei den anderen Staffelmitgliedern entschuldigen." Seiner eigenen Darstellung zufolge hat er vor Sydney neben Testosteron viermal monatlich auch Wachstumshormone eingenommen.

Nie ein positiver Test

Trotz nie verstummender Gerüchte war Montgomery in seiner Karriere niemals positiv getestet worden. Wegen seiner Verwicklung in den Balco-Skandal allerdings wurde der Sprinter zunächst aus dem US-Kader für Olympia 2004 ausgeschlossen und im Dezember 2005 vom internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne für zwei Jahre gesperrt. Die Richter annullierten außerdem seine Ergebnisse seit dem 31. März 2001 und damit auch seinen 2002 in Paris aufgestellten Fabel-Weltrekord von 9,78 Sekunden.

Die Ausweitung von Montgomerys persönlicher Tragödie löste beim Nationalen Olympischen Komitee der USA (USOC) keinerlei Mitleid aus. "Wenn er bei Olympia betrogen hat, sollte er aufstehen und seine Medaille freiwillig zurückgeben - so wie es andere aus unserem Sydney-Team auch getan haben", erklärte USOC-Sprecher Darryl Seibel: "Er hat eine Verantwortung gegenüber dem Sport, seinen Konkurrenten von Sydney und allen Generationen von Leichtathleten, die auf ehrliche Weise ihr Bestes geben."

Nichts mehr zu verlieren

Für Montgomery kommt das Doping-Geständnis einem Befreiungsschlag gleich. Schon nach seinen Verurteilungen wegen Geldwäsche und Scheckbetrugs einerseits sowie Heroinbesitzes und -handels andererseits hatte der Ex-Star nichts mehr zu verlieren. Nach Ablauf seiner 46-monatigen Haftstrafe wegen der Finanzdelikte muss Montgomery aufgrund seiner Drogenvergehen noch fünf weitere Jahre im Gefängnis verbringen.

Bei HBO machte Montgomery aus der Verbitterung über sein völlig aus den Fugen geratenes Leben kein Hehl: "Warum ich das alles gemacht habe? Mit dieser Frage wache ich jeden Morgen auf und schlafe jeden Abend auch damit ein."