2008.11.25 Neuss : Hörmann: "Im Skispringen auf einem guten Weg"

Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) gibt DSV-Präsident Alfons Hörmann Auskunft über die Situation im deutschen Skisport vor der kommenden Winter-Saison.

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DSV-Präsident Alfons Hörmann im Interview

Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) äußert sich Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Skiverbandes, zur Situation im deutschen Skisport vor der anstehenden Saison.

sid: "Herr Hörmann, was erwarten Sie von den deutschen Skisportlern in diesem Winter?"

Alfons Hörmann: "Wir haben einen sehr erfolgreichen Winter hinter uns und einen vorolympischen WM-Winter vor uns. 15 Medaillen bei den Titelkämpfen sind unser Ziel."

sid: "Bleibt der Alpin-Bereich das Sorgenkind im DSV?"

Hörmann: "Der Begriff Sorgenkind gilt in Zusammenhang mit den Alpinen allenfalls für die Vergangenheit. Maria Riesch hat im vergangenen Winter zwei Kristallkugeln geholt, und auch der Start mit einem Podestplatz hat gezeigt, dass wir auf einem vernünftigen Weg sind. Bei den Männern können wir nur auf Felix Neureuther hoffen, da müssen wir halt noch ein paar Jahre konsequent arbeiten."

sid: "Für den Bereich Alpin wird trotz der insgesamt spärlichen Erfolge weiter das meiste Geld ausgegeben ..."

Hörmann: "Der Alpin-Bereich hat in der gesamten Außenwahrnehmung eine alles entscheidende Bedeutung für den DSV. Unser Verband wird mit dem Thema Alpin assoziiert, erst auf den zweiten Blick sagen die Leute: Da gehört ja auch Skispringen oder Biathlon dazu. Im Alpinen ist zwar mehr Geld notwendig als im Nordischen, aber so einfach kann man nicht rechnen."

sid: "Im Fernsehen ist aber ganz eindeutig Biathlon das Zugpferd Nummer 1. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den Disput zwischen Bundestrainer Frank Ullrich und dem dreimaligen Olympiasieger Michael Greis?"

Hörmann: "Der DSV hat von der Grundvoraussetzung her ein anderes Rollenverständnis und setzt auf den Teamgedanken. Für trainingsältere Athleten wie einen Michael Greis gibt es aber Sonderkonstellationen, und das ist in Ordnung so. Aber die Gladiatoren müssen wieder an einen Tisch finden. Sie müssen sich nicht täglich umarmen, aber es muss ein Grundverständnis in einer Mannschaft geben. Auf den Punkt gebracht: Die Situation ist weder ideal noch ein großes Problem."

sid: "Wie sehen Sie nach langer Durststrecke die Chancen der Skispringer nach dem Trainerwechsel zu Werner Schuster?"

Hörmann: "Im Skispringen sind wir auf einem guten Weg unter dem neuen Trainer. Sportfachlich und menschlich hat er eine tolle Art, die Grundstimmung in der Mannschaft ist hervorragend. Die Verletzung von Georg Späth bringt eine Schwächung, aber sowohl die älteren als auch die jüngeren Athleten sind auf dem Weg nach oben. Ich erwarte gute Ergebnisse, wenn auch nicht die herausragenden wie vor Jahren. Das ist keine Frage von Wochen oder Monaten, sondern von Jahren, bis wir die absolute Weltspitze wieder mitbestimmen können. Aber eine Team-Medaille bei der WM ist ein realistisches Ziel. Und dass Frauen-Skispringen erstmals bei der WM dabei ist, kommt uns mit unseren starken Springerinnen ebenfalls entgegen."

sid: "Auf die Erfolge welcher DSV-Sparte würden Sie das meiste Geld setzen?"

Hörmann: "Im Herren-Langlauf und bei den Biathlon-Damen sind wir hervorragend aufgestellt, aber in der Kombination treten wir nach dem herausragenden letzten Winter mit Ackermann, Kircheisen oder Frenzel mit sehr guten Perspektiven an. Wenn man Wetten abschließen würde, müsste man wohl viel Geld auf die Kombination setzen."

sid: "Vor einem Jahr stand der Verband wegen der Probleme mit dem Fernsehvertrag finanziell mit dem Rücken zur Wand. Haben Sie Angst, dass sich die Kürzungen sportlich mit schlechteren Ergebnissen auswirken könnten?"

Hörmann: "Die letzten zwölf Monate waren finanziell nicht einfach. Wir mussten einen klaren Restrukturierungskurs durchziehen, der auf alle Bereiche durchgeschlagen hat. In der Leistungsspitze haben uns die Topathleten aber bestätigt, dass sich an den Trainingsvoraussetzungen nichts verändert hat. Eindeutig korrigieren mussten wir knapp unter der Weltspitze. Aber klar gesagt: An der finanziellen Ausstattung wird es nicht scheitern, dass wir weiterhin in allen Disziplinen sehr gute Ergebnisse erreichen können."

sid: "Wie ist die aktuelle Finanzlage des DSV?"

Hörmann: "Es gibt kein Krisenszenario, aber es bleibt auch kein Geld übrig, um Lustobjekte umzusetzen. Mit Ausnahme des DFB sind wir in einer Situation, in der wohl zahlreiche Fachverbände gern mit uns tauschen würden. Wir haben eine Konzernstruktur, in Gefahr war vor einem Jahr nur die Leistungssport GmbH. Wir haben unser Gebäude in Planegg und vernünftige Rücklagen, über die andere Fachverbände froh wären. Der Winter wird vernünftig laufen, wenn uns schlechte Ergebnisse, Doping oder die Schneeverhältnisse keine Probleme bereiten. Der Finanzplan für das laufende Jahr ist ausgeglichen, damit wäre die Welt für uns in Ordnung. Die Weltcup-Veranstaltungen in Deutschland sind natürlich ein unglaublich wichtiger Teil dieses Plans."

sid: "Können Sie nach dem Vermarkterwechsel kurz vor der Saison weiterhin mit Einnahmen von etwa elf Millionen Euro rechnen, die der alte Kontrakt mit MSC brachte?"

Hörmann: "Das Leistungspaket hängt von der Anzahl der Weltcups ab - wie beim Fernsehvertrag. Jede einzelne Veranstaltung zählt. Wenn es normal läuft, haben wir unter dem Strich den gleichen Nutzen für den DSV wie vorher. Sportfive ist ein starker Partner, wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden."

sid: "In welcher Teildisziplin würde Ihnen ein Weltcup-Sieg am meisten bringen?"

Hörmann: "Siege sind in allen Disziplinen gleich wichtig. Aber wenn ich es rein monetär sehe, ganz klar im Skispringen. Unter wirtschaftlichen Aspekten ist das Skispringen für uns am wichtigsten. Rein imagemäßig wäre es der Alpin-Bereich."

sid: "Wie groß ist bei Ihnen die sich alljährlich wiederholende Befürchtung vor Dopingfällen im deutschen Team?"

Hörmann: "Wenn ich nicht an die Fairness und Sauberkeit unserer Athleten glauben würde, würde ich mich nicht engagieren. Keiner von uns hat die hundertprozentige Sicherheit, in so großen Organisationen kann man nie für jeden die berühmte Hand ins Feuer legen. Aber wir tun verbandsseitig alles, was menschenmöglich ist. Mehr, als sich Tag und Nacht mit dem Thema zu beschäftigen und umfangreiche Anti-Doping-Initiativen zu initiieren, kann man meines Erachtens nicht tun. Ich gehe mit dem guten Gefühl in die Saison, dass wir ohne Problemfall über die Runden kommen."

sid: "Gibt es in den TV- und Vermarktungsverträgen Ausstiegsklauseln bei Dopingfällen wie bei der Tour de France?"

Hörmann: "Die gibt es in jedem Vertrag. Ich habe die Chance bei der Einkleidung genutzt und den Athleten noch einmal klar und deutlich die Bedeutung dieses Themas geschildert. Ich habe gesagt: Seid euch dessen bewusst, dass ein Dopingfall alles ändern würde. Er würde die Rahmenbedingungen so verändern, wie wir es uns alle nicht vorstellen können. Am Beispiel Radsport ist das deutlich erkennbar. Die gesamte Mannschaft und die Führung sind sensibilisiert, jeder Cheftrainer hat zu diesem Thema klarste Ansagen."

sid: "Wird sich der DSV mit Oberstdorf um die Nordische Ski-WM 2015 bewerben, nachdem der Anlauf für 2013 gescheitert ist?"

Hörmann: "Das ist noch nicht entschieden, aber das Thema steht auf der Agenda. Aus Oberstdorf kamen seit der Kommunalwahl deutlich negative Signale zum Spitzensport. Die Fragezeichen in Oberstdorf müssen zeitnah geklärt werden. Anderfalls könnten wir uns ja auch mit einem anderen Ort bewerben - der DSV hat ja glücklicherweise die freie Wahl."

sid: "Wie sehen Sie die aktuelle Situation in Garmisch-Partenkirchen in Sachen Alpin-WM 2011?"

Hörmann: "Ich sehe uns auf einem hervorragenden Weg. Die Gemeinde hat die Baumaßnahmen hervorragend umgesetzt, wir können uns auf faszinierende Strecken freuen. Die neue Kandahar bietet eine tolle Perspektive für die Zukunft. Das Organisationskomitee mit Peter Fischer und Walter Vogel als Doppelspitze leistet einen mustergültigen Job, wie man es bei einer WM noch nie erlebt hat."

sid: "Die WM unter der Zugspitze soll ja auch Rückenwind für die Olympia-Bewerbung Münchens für 2018 geben. Läuft aus der Sicht des Sprechers der Wintersportverbände alles nach Plan?"

Hörmann: "Nachdem es in Bayern wieder einen Ministerpräsidenten gibt, ist die Gesellschafterversammlung wieder komplett. Es hat eine gewisse Pause in dem ehrenamtlichen Gremium gegeben, aber die Geschäftsführung ist bienenfleißig unterwegs. Die WM ist ein ganz wichtiger Punkt, gerade, wenn man die zunehmenden Fragezeichen für Olympia 2014 in Sotschi sieht. Werden die ganzen Pläne dort am Ende auch umgesetzt? Wir können mit der WM in Garmisch-Partenkirchen hoffentlich eine gute Antwort für die deutsche Bewerbung geben. Die Finanzkrise ist für die Münchner Bewerbung kein Problem. Die großen Dax-Konzerne und wirtschaftsstarke Unternehmen werden dieses Thema hoffentlich weiter unterstützen."