2008.11.27 Neuss : Dopingjäger Saltin holt zum Rundumschlag aus

Dopingjäger Bengt Saltin aus Schweden erhebt schwere Vorwürfe gegen sämtliche Welt-Verbände. Unter anderem richtet sich seine Kritik gegen das IOC, das er als "dumm" bezeichnet.

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Anti-Dopingexperte Saltin übt heftige Kritik

Sein Urteil ist vernichtend, das Zeugnis für den weltweiten Anti-Doping-Kampf katastrophal: Der schwedische Dopingjäger Bengt Saltin hat Internationalem Olympischen Komitee (IOC), Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und Fachverbänden wie dem Leichtathletik-Weltverband IAAF schwerste Versäumnisse im Anti-Doping-Kampf vorgeworfen.

Das IOC sei "dumm", wenn es meine, die Steigerung der Zahl der Kontrollen bei den Olympischen Sommerspielen in Peking um über 1000 auf 4770 im Vergleich zu Athen 2004 sei eine erfolgreiche Methode bei der Jagd nach Dopingsündern.

Saltin fordert radikales Umdenken

"Wenn sie das wirklich glauben, wäre es eine Katastrophe", sagte der Wissenschaftler beim 3. Anti-Doping-Forum in Berlin. "Hätte man diese Kontrollen in der Trainingsphase zwischen den Saisons gemacht, hätte man 1000 positive Fälle gehabt", erklärte der 73 Jahre alte Professor und forderte ein radikales Umdenken. Es bedürfe vor allem "intelligenter Trainingskontrollen" in Kombination mit dem Blutpass wie er von Welt-Skiverband FIS und Welt-Radsportverband UCI eingeführt worden ist.

Blutdoping-Experte

Saltin gilt als Blutdoping-Experte und hatte nach der Schutzsperre gegen Evi Sachenbacher-Stehle bei den Winterspielen 2006 in Turin die Blutstudie der FIS mitbetreut, an der auch die deutschen Ski-Langläufer beteiligt waren.

Der WADA legte Saltin in Berlin nahe, ihre Verbotsliste zu überprüfen. Sie sollte sich zukünftig bei Wettkampfkontrollen auf den Nachweis von dort angewandten Dopingsubstanzen wie Amphetaminen und Diuretika konzentrieren und die Tests auf anabole Steroide, das Ausdauerdopingmittel Epo, Wachstumshormone sowie Gendoping in die Trainingsphasen verlegen: "Heute nimmt doch keiner mehr Epo im Wettkampf, sondern in geringer Dosierung im Vorfeld. Am Tag vor dem Wettkampf injiziert er dann rote Blutkörperchen." An Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften dürften laut Saltin nur noch Länder teilnehmen, die eine starke Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) haben.

Völliges Versagen unterstellte der in Kopenhagen lebende Physiologe dem Leichtathletik-Weltverband: "Er weiß seit zwei Jahren, dass er ein riesiges Problem bei seinen Ausdauerathleten hat, die abnormal hohe Hämoblobin-Wert haben. Aber man tut einfach nichts dagegen." Seit fünf sechs Jahren gelte das auch für die afrikanischen Läufer, deren Werte vorher noch im normalen Bereich gelegen hätten.

Das Anti-Doping-Forum wurde von der internationalen Rechtsanwaltskanzlei Beiten Burkhardt veranstaltet und stand unter der Überschrift: "Wie nah sind die Jäger am Gejagten?"