2009.01.14 Neuss : Killing: "Amnestie für DDR-Doping-Verstrickungen"

Der Leiter der DLV-Trainerschule, Wolfgang Killing, fordert eine Amnestie für DDR-Leichtathletik-Trainer, die in Dopingfälle verstrickt waren. Diese Maßnahme sei überfällig.

us
Wolfgang Killing fordert Amnestie für DDR-Doping-Trainer

Die Diskussion um die Entlassung von Kugelstoß-Bundestrainer Werner Goldmann ist am Mittwoch noch einmal kräftig angeheizt worden. Während Trainer-Chefausbilder Wolfgang Killing, Leiter der Trainerschule in Mainz, eine "längst fällige Amnestie für DDR-Doping-Verstrickungen" forderte, sieht DLV-Präsident Clemens Prokop derzeit keine Chance für eine Goldmann-Rückkehr zum Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV).

"Einen solchen Schritt schließen die Förderrichtlinien des Bundesinnenministeriums aus", sagte der Jurist aus dem bayerischen Kelheim dem Sport-Informations-Dienst (sid). 20 führende deutsche Athleten mit der dreimaligen Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch an der Spitze hatten die Wiedereinstellung Goldmanns gefordert.

Killing bemängelt Umgang im Fall Goldmann

Derweil kritisierte der 55 Jahre alte ehemalige Hochsprung-Bundestrainer Killing in einem Gastbeitrag für die Fachzeitschrift Leichtathletik: "Man schiebt die Amnestie angesichts zu befürchtender politischer Diskussionen und Widerstände hinaus."

Zugleich bemängelte Killing den Umgang mit dem Fall Goldmann. "Nicht Trainer haben über die Vorwürfe gegen ihn und über seinen Ausschluss befunden, sondern Juristen, Politiker, Verwaltungsfachleute - allesamt trainerische Laien."

Die Empfehlung zur Nicht-Weiterbeschäftigung Goldmanns hatte die unabhängige Anti-Doping-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) unter Vorsitz des Bundesverfassungsrichters a.D. Udo Steiner ausgesprochen. Ihr gehören auch Doppel-Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl sowie der SPD-Bundestagsabgeordnete Steffen Reiche an. Steiner sprach gegenüber der Mittelbayerischen Zeitung von einem tragischen Fall: "Werner Goldmann ist ein engagierter und kompetenter Trainer. Aber er hatte allem Anschein nach nicht die Kraft, sich zu der früheren Dopingpraxis in der DDR zu bekennen."

Aus Sicht Killings hätte eine Kommission "ausschließlich oder zumindest überwiegend aus Mitgliedern derselben Berufssparte" gebildet werden müssen. Zugleich verteidigt der ehemalige Hallen-EM-Dritte im Hochsprung (Bestleistung: 2,28m) die DDR-Trainer. Sie seien nur "ein nachgeordnetes Rad im Getriebe des Spitzensports" gewesen. Ihnen Mitläufertum zu unterstellen, sei sicher berechtigt. "Sie für die gesundheitlichen Folgen verantwortlich zu machen, die sie selber nicht überblicken konnten, doch wohl nicht."

DLV-Präsident Prokop stellt Bedingungen

DLV-Präsident Prokop rief den deutschen Sport auf, sich der Frage zu stellen, ob es Möglichkeiten der Resozialisierung von DDR-Trainern mit einer Dopingvergangenheit gebe. Dabei müssten jedoch zwei Punkte beachtet werden: "Die Weitergabe von Dopingmitteln ist ein schwerwiegender Vorgang und besonders kriminell, wenn Minderjährige betroffen sind."

Außerdem setze eine solche Diskussion voraus, dass der betroffene Trainer sich mit der Vergangenheit "offen und ehrlich" auseinandergesetzt habe. "Sonst kann es keine Amnestie geben."

Prokop sieht wie Steiner eine "tragische menschliche Komponente" in dem Fall: "Ich gehe ja davon aus, dass Werner Goldmann nach der Wiedervereinigung völlig korrekt und auch sehr erfolgreich für uns gearbeitet hat."

Killing: Trainer sind "Sklaven des Erfolgs"

Noch heute seien Trainer "Sklaven des Erfolgs", beklagt Killing, 1976 selbst Olympia-Teilnehmer. "Dass dann Grenzen überschritten werden, kann niemanden mehr überraschen."

Die vor Olympia vorgelegte Ehrenerklärung des DOSB zwinge ehemalige DDR-Trainer zudem zur Lüge. "Sie erscheint angesichts des drohenden Existenzverlustes verzeihlich", meinte Killing mit Blick auf die Verfehlungen von Goldmann, der vor Peking seine Unterschrift geleistet hatte.

Goldmann betreut in Berlin als Heimtrainer den Diskus-WM-Zweiten Robert Harting sowie Diskus-U18-Weltmeisterin Julia Fischer und will diese Aufgabe auch als arbeitsloser Trainer weiterführen. Im Juli 2008 hatte der frühere DDR-Kugelstoßer Gerd Jacobs gesagt, er sei Anfang der 80er Jahre von Goldmann unter anderem mit dem Anabolikum Oral-Turinabol versorgt worden. Jacobs ist ein staatlich anerkanntes DDR-Dopingopfer.