2009.02.04 Neuss : Rogge gegen Sperren für dopingbelastete Sportarten

IOC-Präsident Jacques Rogge hat sich dagegen ausgesprochen, dopingbelastete Sportarten von den Olympischen Spielen 2012 in London auszuschließen.

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IOC-Präsident Jacques Rogge

Trotz einer strikten Null-Toleranz-Politik will das Internationale Olympische Komitee (IOC) dopinganfälligen Sportarten nicht die Rote Karte zeigen. Und auch Dopingverdächtige wie Radprofi Lance Armstrong sollen von den Spielen nicht ausgeschlossen werden. Er könnte bei Olympia 2012 in London starten. "Es gibt einen Verdacht, aber keinen rechtsfesten Beweis. Und ob die Leute es gern hören oder nicht: Das IOC kann nur auf Basis von Gesetzmäßigkeiten handeln", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge im Interview der Woche des Sport-Informations-Dienstes (sid).

Der Belgier schloss auch Sanktionen gegen Sportarten aus, nur weil sie besonders viele Dopingfälle hätten wie der Radsport oder die Leichtathletik. "Wenn ein Verband alles gegen Doping tut, darf er nicht bestraft werden. Würde man ihn wegen positiver Fälle von Olympia ausschließen, würde man die sauberen Athleten mitbestrafen", erklärte der Chef der "Weltregierung des Sports".

Harte Gangart gegen Verstöße der Verbände

Zugleich kündigte Rogge aber eine harte Gangart gegen Verbände an, die den seit 1. Januar geltenden neuen WADA-Code nicht umsetzten. Bei Verstößen, wie sie derzeit auch vom Handball kolportiert werden, gebe es zukünftig kein Pardon. "Dann sagen wir: Ihr müsst eure Regeln erst anpassen, sonst könnt ihr nicht an den Spielen teilnehmen."

Die Beurteilung liege in den Händen der WADA. "Sie wird im Mai entscheiden, welche NADAs und welche internationalen Verbände in Übereinstimmung mit dem Code sind und welche nicht." Rogge betonte, bei aller Entschlossenheit im Anti-Doping-Kampf dürfe es keine Willkür geben.

Gelassen sieht der IOC-Chef die Warnung von ARD-Programmdirektor Volker Herres, ein Verlust der Olympia-Fernsehrechte für die European Broadcasting Union (EBU) könnte auch die Übertragung der olympischen Sportarten zwischen den Spielen gefährden. "Die Verbände sollten sich mal keine Sorgen machen. Eine öffentlich-rechtliche Anstalt hat einen öffentlich-rechtlichen Auftrag. Sie muss auch das zeigen, was die Privaten nicht zeigen", erklärte Rogge und geht sogar noch weiter: "In ganz Europa wären ohne die Übertragungsrechte für Olympia auf einmal 600 Millionen Euro frei."

Wirtschaftskrise: IOC ohne Probleme, Basis betroffen

Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise mache dem IOC derzeit keine Probleme. Seit 2001 seien die Rücklage spürbar gestiegen. Rogge: "Als ich ins Amt kam, hätte das IOC ohne Spiele nur 18 Monate überstehen können. Heute erlauben uns die Reserven von rund 400 Millionen Dollar, vier Jahre ohne einen einzigen Dollar aus Einnahmen von den Spielen zu überstehen. Das IOC ist in einer guten Verfassung."

Der Sport an der Basis sei jedoch massiv von der Finanzkrise betroffen. "Ich höre täglich von NOKs und nationalen Verbänden, dass es sehr schwierig ist, Sponsoren zu finden. Außerdem gehen in manchen Ländern die Regierungszuschüsse zurück, weil das Geld in die Banken oder Konjunkturprogramme gesteckt werden muss. Hier erleben wir gerade harte Zeiten", meinte Rogge, der im Oktober dieses Jahres für seine zweite Amtszeit kandidiert und auf die Wiederwahl hofft.

Mögliche Gegenkandidaten fehlen noch

Bislang gibt es keinen Gegenkandidaten und sollte sich doch noch eine Opposition formieren, wäre der ehemalige Chirug keineswegs enttäuscht. "Ganz sicher nicht. 2001 bin ich gegen vier Mitbewerber angetreten. Es war ein fairer Wahlkampf mit guter Atmosphäre. Mich würde es nicht stören, wenn es Gegenkandidaten gäbe."

Bei der Session in Kopenhagen wird auch der Gastgeber der Sommerspiele 2016 gekürt. Vier Kandidaten gibt es mit Chicago, Madrid, Tokio und Rio de Janeiro. Derzeit wird spekuliert, ob der neue US-Präsident Barack Obama vor den IOC-Mitgliedern für Chicago werben wird.

Rogge würde Obama-Engagement begrüßen

"Ich habe keine Ahnung, ob er kommen wird", sagt Rogge, hebt aber die Bedeutung eines Besuchs hervor: "Wenn Du das Gefühl hast, ein Regierungschef steht voll hinter der Bewerbung und er verspricht Dir, seine Regierung würde alles für erfolgreiche Spiele tun, dann bringt dich das voran."