2009.02.04 Neuss : Zwanziger: "Russen bewegen sich auf Augenhöhe"

Im sid-Interview spricht DFB-Präsident Theo Zwanziger über die Ziele im Länderspieljahr 2009, Meinungsfreiheit in der Nationalmannschaft und die Kunst des Trainierens.

nka
DFB-Präsident Theo Zwanziger

Während sich Bundestrainer Joachim Löw kurz vor dem Start ins neue Länderspieljahr am kommenden Mittwoch gegen Norwegen wegen der heiklen Torwart-Frage den Kopf zerbricht, nimmt DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger mit Blick auf eine erfolgreiche Qualifikation für die WM 2010 die geläuterten Rebellen Michael Ballack und Torsten Frings im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) in die Pflicht.

sid: "Theo Zwanziger, mit dem Test am kommenden Mittwoch in Düsseldorf gegen Norwegen startet die deutsche Nationalelf in das Länderspieljahr 2009. Welche Erwartungen setzen sie in das Team und in Bundestrainer Joachim Löw, der am Donnerstag seinen Kader bekanntgeben wird, nach dem turbulenten EM-Jahr 2008?"

Theo Zwanziger: "Das entscheidende Ziel ist in diesem Jahr die Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika. Wer denkt, die WM-Qualifikation ist schon abgehakt, der macht einen großen Fehler. Wir sind in einer ganz schweren Gruppe und haben noch das schwere Spiel in Russland vor der Brust. Das wird ein ganz schwerer Gang in Moskau, denn die Russen bewegen sich mit uns auf Augenhöhe und wollen sich auch als Erster direkt qualifizieren."

sid: "Gegen Norwegen wird Löw voraussichtlich auf Experimente verzichten. Wie wichtig ist es, dass sich in den kommenden Monaten mit Blick auf die WM in Südafrika ein fester Stamm in der DFB-Auswahl bildet?"

Zwanziger: "Die Partie gegen Norwegen darf nicht unterschätzt werden. Bereits im ersten Spiel im neuen Jahr ist es wichtig, dass die Spieler alles abrufen. Schließlich dürfen wir auch in den Spielen gegen die vermeintlich schwächeren Gegner wie Finnland oder Wales nicht leichtfertig Punkte verschenken. Das weiß der Bundestrainer, das weiß die Mannschaft."

sid: "Für monatelangen Gesprächsstoff sorgten im vergangenen Jahr die Attacken von Kapitän Michael Ballack und Torsten Frings gegen Bundestrainer Löw. Das Image der Nationalmannschaft hat darunter gelitten, vom viel gelobten Teamgeist der WM 2006 war nicht mehr viel zu sehen. Erwarten Sie auch in diesem Jahr atmosphärische Störungen in der Nationalmannschaft?"

Zwanziger: "Michael Ballack und Torsten Frings haben ein klares Bekenntnis zur Autorität des Bundestrainers abgegeben. Jetzt wollen wir sehen, was auf dem Platz passiert. In der Nationalmannschaft gibt es mindestens 20 Spieler, die alle den Ehrgeiz haben, in der Startformation zu stehen. Im Zweifel schätzt sich jeder auch stärker ein als seinen Konkurrenten. Es ist die große Kunst des Trainers, die individuellen Stärken herauszukitzeln, dabei eine mannschaftliche Geschlossenheit herzustellen und bei den Spielern eine Akzeptanz für seine Entscheidungen zu gewinnen."

sid: "Trotzdem haben die öffentlichen Diskussionen dem Bild der Nationalmannschaft in der Öffentlichkeit geschadet..."

Zwanziger: "Wir wollen beim DFB keine Friedhofsruhe. Es darf ruhig auch mal Meinungsverschiedenheiten geben. Aber die müssen nicht öffentlich ausgetragen werden. Ob in der Kreisklasse, in der Bundesliga oder in der Nationalmannschaft - öffentliche Diskussionen schaden nur, auch wenn ich weiß, dass man sie nicht immer verhindern kann. Das Problem ist: Alle Nationalspieler haben eine hohe öffentliche Anerkennung und Präsenz. Sie wissen, dass sie mit solchen Interviews auch einen gewissen Konfliktstoff herbeiführen können. Aber das dürfen die Spieler nicht ausnutzen."

sid: "Bundestrainer Löw will erst nach der Qualifikation für die WM 2010 über eine Verlängerung seines Vertrages verhandeln. Manager Oliver Bierhoff wurde zuletzt immer wieder bei verschiedenen Bundesligisten ins Gespräch gebracht. Werden Sie möglicherweise schon in diesem Jahr auf eine Verlängerung der Verträge von Löw und Bierhoff pochen?"

Zwanziger: "Wenn einer von beiden zu mir kommen und um ein Gespräch bitten würde, dann würde ich sicher nicht ausweichen. Aber im Moment haben wir keinen Gesprächsbedarf in diesen Fragen. Ich teile die Auffassung des Bundestrainers, die Dinge zu regeln, wenn die WM-Qualifikation feststeht. Grundsätzlich habe ich eine hohe Wertschätzung von beiden. Gemeinsam mit Matthias Sammer sind Löw und Bierhoff unsere drei wichtigsten sportlichen Säulen bei der Nationalmannschaft und im Nachwuchsbereich."