2009.03.24 Neuss : Theissen: "Keinen Grund für eine Resignation"

Die Finanzkrise hat auch den Motorsport erwischt. Im Interview diskutieren die Motorsportchefs Theissen (BMW), Haug (Mercedes), Ullrich (Audi) und Nissen (VW) Wege aus der Krise.

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Diskutieren Wege aus der Finanzkrise: Mario Theissen und Norbert Haug

Die Finanzkrise hat auch vor dem Motorsport nicht Halt gemacht. Viele Rennställe haben bedingt durch den Ausstieg zahlreicher Sponsoren Probleme, ihre Budget für die neue Saison zu sichern. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) haben sich die Sportchefs Norbert Haug (Mercedes-Benz), Mario Theissen (BMW) Wolfgang Ullrich (Audi) und Kris Nissen (Volkswagen) zu den finanziellen Problemen im Motorsport und möglichen Wegen aus der Finanzkrise geäußert:

sid: "Die Finanzkrise hat auch den Motorsport erfasst. Haben Sie deshalb schlaflose Nächte?"

Norbert Haug (Mercedes-Sportchef): "Wer nachts nicht schläft, kann tagsüber nicht konzentriert arbeiten. Und genau das müssen wir heute mehr denn je. Mercedes-Benz hat schon immer ein sehr kostengünstiges System im Motorsport praktiziert, und wir sind mit den Teams in der Formel-1-Vereinigung FOTA dabei, hier weitere Fortschritte zu machen. Gleiches gilt für die DTM."

Mario Theissen (BMW-Motorsportdirektor): "Nein. Es wäre auch nicht hilfreich, diese Herausforderungen unausgeschlafen anzugehen. Natürlich kann sich auch die Formel 1 der globalen Wirtschaftskrise nicht entziehen, aber sie ist eine sehr starke Marke. Sie verbindet Spitzensport, High-tech, Business und Show in einer einzigartigen Weise. Deshalb begeistert sie Fans unterschiedlichster Schichten weltweit. Ich bin überzeugt davon, dass die Formel 1 diese Situation nicht nur überdauern, sondern auch gestärkt aus ihr hervorgehen wird."

Wolfgang Ullrich (Audi-Sportchef): "Es ist klar, dass auch der Motorsport angesichts der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise seinen Beitrag leisten muss, die Kosten weiter zu reduzieren. Natürlich bedeutet das mehr Arbeit, weil viele Prozesse, die über Jahre zur Routine geworden sind, durchleuchtet und zum Teil geändert werden müssen. Wir sehen darin aber auch eine große Chance - auch für den Motorsport generell. In einigen Rennserien war der gewaltige Aufwand einfach nicht mehr zeitgemäß. Audi betrifft das nicht so sehr, da das Kosten-Nutzen-Verhältnis sowohl in der DTM als auch bei den Sport-Prototypen schon in der Vergangenheit sehr gut war. Aber Möglichkeiten, noch weiter Kosten zu sparen, gibt es auch in den Rennserien, in denen wir uns engagieren."

Kris Nissen (Volkswagen-Motorsportdirektor): "Nein, schlaflose Nächte habe ich deshalb nicht. Es ist allerdings in diesen Zeiten mehr denn je eine wichtige Aufgabe, genau abzuwägen, welche Motorsport-Aktivitäten sinnvoll und wertvoll sind, welche Entwicklung unbedingt realisiert werden muss und wie hoch der Return of Investment ist."

sid: "Immer mehr Werbepartner springen ab. Ist der Motorsport für die Sponsoren nicht mehr lukrativ genug?"

Haug: "Unsere Partner sind hochzufrieden, und sie waren in den letzten Jahren jene, die höchste Gegenwerte aus Ihren Engagements erzielten. Unser Titelsponsor Vodafone war weltweit bei den TV-Übertragungen der meistgesehene und der meisterkannte."

Theissen: "Ohne Frage hat das gegenwärtige wirtschaftliche Klima auch die Sponsoring-Landschaft der Formel 1 erreicht. Grund für eine Resignation gibt es jedoch nicht. Wir haben beispielsweise seit der Präsentation unseres Autos im Januar zwei neue Partner gewonnen. Und ich bin überzeugt: Die Formel 1 wird auch in Zukunft eine erstklassige Plattform für weltweit operierende Unternehmen sein. Wenn man den Imagewandel der Formel 1 betrachtet, könnten dabei durchaus auch Unternehmen angesprochen werden, für die die Formel 1 bislang nicht attraktiv war."

Ullrich: "Dass Sponsoren abspringen, hat nicht grundsätzlich etwas mit dem Motorsport zu tun, sondern damit, dass Werbebudgets in wirtschaftlich schwierigen Zeiten besonders hart auf den Prüfstand gestellt werden. Für Sponsor-Partner ist Motorsport eine Form der Werbung. Deshalb ist der Rennsport genauso von Kürzungen betroffen wie die Werbung in Zeitschriften oder im Fernsehen. Der Motorsport ist nicht weniger lukrativ und attraktiv als in den vergangenen Jahren. Aber die Budgets sind zwangsläufig geschrumpft."

Nissen: "Natürlich ist der Motorsport noch lukrativ genug, daran hat sich nichts geändert. Bei Volkswagen Motorsport gibt es keinerlei Änderungen, im Gegenteil. Alle unsere Partner - mit den meisten haben wir schon eine langjährige Zusammenarbeit - sind sehr zufrieden, besonders mit der Rallye Dakar."

sid: "Wird die Finanzkrise den Motorsport in den kommenden Jahren entscheidend verändern?"

Haug: "Wir brauchen Reglements, die weniger technischen und logistischen Aufwand möglich machen. Und wir brauchen langfristige Stabilität, die wir in den letzten drei Jahren beim Wechsel vom V10- auf den V8-Motor und bei der Einführung von KERS nicht hatten."

Theissen: "Ist bereits beantwortet."

Ullrich: "Wie bereits angedeutet, ist die Finanzkrise gleichzeitig eine große Chance für den Motorsport, noch wirtschaftlicher zu werden. Rennserien, denen das gelingt, werden gestärkt aus der Krise hervorgehen. Für einen Automobilhersteller wie Audi ist es zudem wichtig, dass ein enger Bezug zur Serienentwicklung besteht. Denn für uns ist Motorsport mehr als nur Marketing. Deshalb engagieren wir uns seit nunmehr elf Jahren bei den Sport-Prototypen - in einer Kategorie, die es uns erlaubt, neue Technologien zu testen, die künftigen Audi-Serienmodellen zugute kommen werden. Der neue Audi R15 TDI ist ein gutes Beispiel dafür."

Nissen: "Ja, das glaube ich schon, aber nicht nur wegen der Finanzkrise, sondern weil in einigen Rennserien unnötig viel Geld ausgegeben wird."

sid: "FIA-Präsident Max Mosley will ein Einheitsbudget von maximal 33 Millionen Euro als Alternative für die Teams einführen. Ist das der richtige Weg?"

Haug: "Wir sind offen für alle zielführenden Ideen, die den Sport noch besser machen und die Kosten senken. Ob dies mit diesem Beschluss gelingen kann, wage ich allerdings zu bezweifeln. Es müssen vielmehr die richtigen Reglements her, und dazu darf es nicht jedes Jahr neue technische Veränderungen geben. Nichts kostet mehr Geld als stetes Verändern."

Theissen: "Auch wir sind der Meinung, dass eine Budget-Obergrenze ein sinnvoller Weg der Kostenreduzierung ist. So eine Regelung ließe Raum für innovative Lösungen und kann die Kreativität der Ingenieure sogar noch zusätzlich anfachen. Über die Höhe einer solchen Obergrenze müssen sich die involvierten Akteure einig sein."

Ullrich: "Da sich Audi nicht in der Formel 1 engagiert, können und wollen wir diese Zahlen nicht beurteilen. Generell glaube ich nicht, dass es sinnvoll und überhaupt möglich ist, Einheitsbudgets einzuführen. Die Reglements müssen vielmehr so gestaltet werden, dass die Kosten-Nutzen-Rechnung stimmt und niemand einen Vorteil daraus zieht, wenn er statt 50 Millionen 200 Millionen ausgibt."

Nissen: "Ich denke ja. Aber man muss dabei das sportliche und technische Reglement so festlegen, dass damit auch die Budgetgrenze realisiert werden kann."

sid: "Welche Vorschläge haben Sie für einen Sparkurs?"

Haug: "Langfristig gültige Reglements und wohl durchdachte Änderungsprozesse. Hätte man solche in der jüngeren Vergangenheit konsequent umgesetzt, wäre in den letzten drei Jahren wesentlich mehr Geld gespart worden. Wir haben es allerdings hauptsächlich durch Effizienzmaßnahmen geschafft, unsere Ausgaben auf der Motorenseite in diesem Zeitraum um mehr als 30 Prozent zu senken, und wir geben gesamthaft weniger Geld aus als noch vor fünf Jahren - bei größerem Erfolg und extrem angewachsenem Konkurrenzdruck."

Theissen: "Die Vorschläge hat die FOTA am 5. März in Genf vorgestellt. Dazu zählen Initiativen aus den Bereichen Technik, Sport und Vermarktung. Für ein Kundenteam werden beispielsweise Motoren nur noch fünf Millionen Euro kosten, Getriebe 1,5 Millionen Euro. Hinzu kommen weitreichende Restriktionen in der Aerodynamik. Auch auf dem kommerziellen Sektor wird sich einiges tun, um die Formel 1 noch attraktiver zu machen für die vielen Fans und Zuschauer. Insgesamt sollen die Kosten bis 2010 um 50 Prozent gesenkt werden. Mit diesem Maßnahmenpaket sehe ich die Formel 1 auf einem guten Weg."

Ullrich: "Viele Ideen, die beispielsweise jetzt in der Formel 1 diskutiert werden, werden in der DTM und bei den Sport-Prototypen bereits seit Jahren umgesetzt. Dazu gehören Motoren mit einer langen Laufzeit, Gleichteile, die Limitierung von Testtagen und auch eine Komprimierung der Veranstaltungen. Denn am Ende kosten vor allem Einsatzteile und Manpower Geld."

Nissen: "Das kann man nicht allgemein sagen, das ist je nach Rennserie unterschiedlich. Im Grunde aber gilt für alle: Der Sport muss unverändert hochwertig bleiben oder noch verbessert werden. All das, was den Zuschauern vor Ort oder am TV-Bildschirm keinen Reiz, keine Spannung bringt, kann man reduzieren oder ganz weglassen. Die Fahrzeuge sollten unbedingt Komponenten aufweisen, die man in und für die Serie entwickeln kann. Diese Synergien sind wichtig. Gefragt sind beispielsweise kleine, aufgeladene Diesel- und Benzin-Motoren, mit sehr langen Laufzeiten, niedrigem Verbrauch, sauberen Abgasen und vorgeschriebenen Materialien, die auch in der Serie millionenfach verwendet werden."