2009.03.25 Neuss : Köpke vermisst deutschen Weltklassetorhüter

Andreas Köpke hat nach Oliver Kahn ebenfalls die aktuelle Situation bei den deutschen Torhütern beklagt. Er vermisst einen absoluten Weltklasse-Torhüter in den deutschen Reihen.

kls
Andreas Köpke

442 Tage vor dem Start der WM-Endrunde in Südafrika schlägt Andreas Köpke Alarm. "Wir haben schon sehr gute Torhüter in der Bundesliga. Aber ich beobachte, dass wir derzeit keine absoluten Weltklasse-Torhüter haben", sagte der Bundestorwartrainer der Sport Bild, nachdem am Vortag bereits Oliver Kahn den Finger in die Wunde gelegt hatte. "Die Entwicklung, die mir momentan gar nicht gefällt, ist, dass bei den Torhütern alle in ein kleines Loch gefallen sind und nicht mehr die höchste Konstanz haben", hatte der 39-Jährige erklärt.

Nachdem die deutsche Nationalmannschaft seit den Zeiten von "Fußball-Gott" Toni Turek um ihre Schlussleute beneidet wurde und in Sepp Maier, Köpke, Kahn und auch Jens Lehmann immer wieder überdurchschnittliche Ballfänger in ihren Reihen hatte, ist die Torwartposition seit dem Rücktritt von Lehmann nach der EM 2008 zu einem Problemfall geworden. Dass die Bundesliga derzeit keinen Keeper von Weltformat hervorbringt, hat für Köpke auch mit den großen Fußstapfen der Vorgänger zu tun: "Der konnte sich während der Zeit nach Kahn und Lehmann auch nicht herauskristallisieren."

In dem Leverkusener Rene Adler, dem Bremer Tim Wiese, Robert Enke aus Hannover und U21-Schlussmann Manuel Neuer von Schalke 04 kämpfen aktuell vier Torhüter um drei Plätze für die WM, für die sich der Vize-Europameister allerdings erst noch qualifizieren muss. Adler und Enke, der bei Hannover in der Schießbude der Liga steht und schon 52 Gegentreffer hinnehmen musste, waren nach der EURO in der Pole-Position. Erst punktete der 31-Jährige Enke, dann profitierte der 24-Jährige Adler im Oktober von einer Kahnbeinverletzung seines Rivalen. Doch gegen England (1:2) und Norwegen (0:1) konnte der Bayer-Keeper, der auch in der Meisterschaft alles andere als stabil war, seinen Vorteil nicht nutzen.

"Adler hatte nach den beiden WM-Qualifikationsspielen gegen Russland und Wales einen Vorsprung. Aber der ist ein wenig aufgebraucht", sagte Köpke vor den ersten beiden Pflichtspielen des Vize-Europameisters in der WM-Qualifikation am Samstag in Leipzig gegen Liechtenstein (20.00 Uhr, live im ZDF) und vier Tage später in Cardiff gegen Wales (20.45 MESZ, live in der ARD).

Für den dreimaligen Welttorhüter Kahn ist die derzeitige Verunsicherung bei Adler keine Überraschung: "Da kommt viel zusammen. Man denkt sich: Jetzt bin ich Nationaltorwart, die Zeit des Talentseins ist vorbei, jetzt werde ich kritischer gesehen. Es ist doch immer das gleiche Spiel. Es setzt sich eben nicht das größte Talent durch, sondern der, der im Kopf am stärksten ist."

Und da spricht derzeit einiges für Wiese, den nach der EM keiner mehr auf der Rechnung hatte. "Seine Leistungen sind konstanter geworden. Er hat sein Spiel umgestellt, spielt offensiver. Das kommt ihm zugute", lobt Köpke den früheren Junioren-Nationaltorwart. Auch Kahn hat den 27-Jährigen auf der Rechnung: "Wiese weiß, dass er auf der Linie mit seinen Reflexen, seiner Power und Flexibilität der Beste von allen ist. Aber ich warte bei Wiese noch auf eine Verbesserung bei Flanken und beim Mitspielen insgesamt."

Aber auch Enke genießt nach wir vor großes Vertrauen. "Bei ihm mache ich mir am wenigsten Sorgen", sagt Köpke. Und Neuer, der zuletzt unter den Augen von Löw beim 1:2 der Schalker gegen den Hamburger SV gepatzt hatte, kommt ohnehin erst nach der Sommerpause ins Spiel. "Wichtig ist, dass er bei der U21-EM-Endrunde ein gutes Turnier spielt. Danach spielt er dann auch für uns eine ganz andere Rolle", sagte Köpke dem Sport-Informations-Dienst [sid]. Der 47-Jährige, der sich erst nach den vier Trainingseinheiten vor dem Liechtenstein-Spiel mit Löw auf den Torwart für die beiden nächsten Spiele festlegen will, betonte aber auch: "Man kann zurzeit keine Reihenfolge aufstellen. Das sind vier Torhüter, die um die Nummer eins kämpfen."

Löws Assistent Hansi Flick bemühte sich am Mittwoch leidlich, die Diskussion um die Torleute im Keim zu ersticken. "Wir sind von unseren Torleuten überzeugt, sie sind alle extraklasse. Und ich weiß nicht, ob Kahn und Lehmann immer weltklasse waren."