2009.04.08 Neuss : McLaren-Mercedes bangt um Formel-1-Teilnahme

Nach der Falschaussage von "Silberpfeil"-Pilot Lewis Hamilton und der Spionage-Affäre 2007 könnte dem Formel-1-Rennstall McLaren-Mercedes der Ausschluss aus der WM drohen.

nka
Hat offenbar auch über eine Trennung nachgedacht: Lewis Hamilton

McLaren-Mercedes droht wegen der "Lügen-Affäre" das Aus in der Formel 1. Ein entsprechend drakonisches Urteil fürchten Experten bei der außerordentlichen Sitzung des World Motor Sport Council des Automobil-Weltverbandes FIA am 29. April in Paris. "Ich befürchte, dass McLaren-Mercedes aus der WM ausgeschlossen wird. Das könnte eine Katastrophe für Mercedes und die Formel 1 sein", sagte der ehemalige Formel-1-Fahrer und RTL-Experte Christian Danner dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Das große Problem sei, dass die Silberpfeile nach der Spionage-Affäre von 2007 schon vorbelastet seien. Damals hatte die FIA die Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar (seinerzeit 72 Millionen Euro) ausgesprochen. Danner: "Bei der Spionage-Affäre konnte man sich noch über die Fakten streiten, aber jetzt ist die Angelegenheit glasklar."

Hamiltons Aussagen nicht rechtzeitig richtiggestellt

Erschwerend käme hinzu, dass der Rennstall auf dem Weg vom Regelverstoß von Weltmeister Lewis Hamilton auf der Strecke in Melbourne bis zur zweiten Anhörung in Malaysia mehrere Gelegenheiten ausgelassen hätten, dessen Lüge gegenüber den Rennkommissaren richtigzustellen. Danner: "Sich wegen eines WM-Punktes so in die Nesseln zu setzen, grenzt an Selbstzerstörung. Hier geht es um die ethischen und moralischen Grundsätze, auf denen der Sport basiert."

Hamilton, der vom inzwischen entlassenen Sportdirektor Dave Ryan zur Falschaussage angestiftet worden war, hatte sogar schon an den Abschied von McLaren-Mercedes gedacht. Sein Vater und Manager Anthony soll sich in Malaysia schon nach einem neuen Arbeitgeber für seinen Sohn umgesehen haben. Umgestimmt hat Hamilton laut der Bild-Zeitung erst Mercedes-Sportchef Norbert Haug, dessen Konzern 40 Prozent am Rennstall McLaren hält. "Wenn so etwas passiert, gehen einem alle möglichen Gedanken durch den Kopf", sagte Haug. Hamilton, der die Lüge zugegeben hatte, habe in Malaysia eine sehr harte Zeit gehabt, meinte der Schwabe: "Das Thema ging und geht ihm sehr nahe."

Zukunft von Mercedes in Formel 1 offen

Zur Vorladung durch die FIA wollte Haug am Mittwoch wegen des schwebenden Verfahrens keine weiteren Aussagen treffen und verwies auf die McLaren-Erklärung vom Vorabend. In Bezug auf die generelle Zukunft von Mercedes in der Formel 1 hatte Haug zuletzt allerdings ein generelles Ja vermieden: "Wenn sie mich fragen, ob wir in den kommenden zehn Jahren dabei bleiben werden, dann kann kein ehrlicher Mensch eine Antwort darauf geben, wie sich die Welt und die Autobilindustrie in dieser Zeit entwickeln werden."

Auf der Hauptversammlung des Daimler-Konzerns am Mittwoch kündigte Konzernchef Dieter Zetsche jedenfalls einen radikalen Sparkurs an, der zwei Milliarden Euro bringen soll. Mit Blick darauf und die Negativschlagzeilen der letzten Wochen könnte auch das Millionen-teure Formel-1-Projekt auf den Prüfstand geraten.

Allerdings sieht der ehemalige Formel-1-Fahrer Hans-Joachim Stuck in der Wirtschaftskrise auch eine Chance für McLaren-Mercedes. "Eine Bestrafung wie in der Spionage-Affäre wäre fatal", sagte er dem SID: "Wir befinden uns in einer großen Wirtschaftskrise und in dieser schwierigen Zeit könnte ein ähnliches Urteil schlimme Konsequenzen haben. Deshalb ist das eine sehr sensible Sache." Die Strafmöglichkeiten der FIA reichen von einer Geldbuße bis zum WM-Ausschluss.

Vorwurf: "Handeln gegen den Geist des Sports"

Die FIA wirft den "Silberpfeilen" in fünf detaillierten Punkten einen Verstoß gegen Artikel 151c des Internationalen Sporting Codes vor, der das Handeln gegen den Geist des Sports unter Strafe stellt. Der ehemalige McLaren-Sportdirektor Ryan, der am Sonntag suspendiert und dann am Dienstag unmittelbar nach der FIA-Anklage entlassen wurde, hatte Hamilton zu einer Falschaussage gegenüber den Renn-Kommissaren angestiftet.

"Man kann zwar sagen, es ist nicht zu entschuldigen, aber ich sage, es ist zu entschuldigen. So etwas kann in der Hitze des Gefechts passieren", sagte Mercedes-DTM-Pilot Ralf Schumacher dem SID: "Ich frage mich, warum die FIA die Sache so in die Länge zieht. Es ist schade, dass der momentan so spannende Sport so überschattet wird."