2009.05.13 Neuss : Zwanziger: "Ukraine war deutlich schwächer"

Im Interview mit dem SID nimmt DFB-Präsident und UEFA-Exko-Mitglied Theo Zwanziger zu den neuen Entwicklungen um die ukrainischen Spielorte der EM 2012 Stellung.

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DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger

Die UEFA hat zunächst nur Kiew Grünes Licht für die Austragung von EM-Spielen im Jahr 2012 gegeben. Die Gründe erläutert DFB-Präsident und UEFA-Exko-Mitglied Theo Zwanziger im Interview mit dem SID.

SID: "Das Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union hat mit Ihnen als Mitglied auf der Sitzung in Bukarest alle vier polnischen Standorte für die EM 2012 bestätigt, aber nur Kiew aus der Ukraine. Wie kam es zu dieser Entscheidung des Exkos?" Theo Zwanziger: "Die UEFA-Administration hat mit großer Genauigkeit die derzeitige Lage in beiden Ländern analysiert, um zu einer fairen Lösung zu kommen. Es war natürlich klar, dass für eine EM besondere Voraussetzungen erfüllt werden müssen. Dabei spielen vor allem infrastrukturelle Probleme wie Flughäfen oder Hotelkapazitäten in der Ukraine eine Rolle."

SID: "In Polen sind die Voraussetzungen besser?"

Zwanziger: "Dort wurden die Voraussetzungen gut erfüllt. In Polen herrschen sehr stabile Bedingungen. Es war sogar so, dass sich die Bedingungen in Krakau so verbessert haben, dass ein Tausch mit einer anderen polnischen Stadt diskutiert wurde. Davon wurde allerdings Abstand genommen."

SID: "Die Ukraine fiel dagegen nach Darstellung von UEFA-Präsident Michel Platini deutlich ab. War das die einhellige Meinung im Exekutivkomitee?"

Zwanziger: "Die Ukraine war mit ihren Standorten deutlich schwächer. Darauf hat der UEFA-Präsident immer wieder hingewiesen, obwohl es vielfältige Garantien von staatlicher Seite gegeben hatte. Im Exko hatte man nicht das Gefühl, guten Gewissens eine positive Entscheidung für alle vier Standorte treffen zu können."

SID: "Kiew ist aber zunächst als EM-Spielort dabei. Gibt es Einschränkungen?"

Zwanziger: "Es ist noch nicht entschieden worden, ob Kiew Endspielort wird oder nicht. Diese Entscheidung ist noch offen. Die anderen drei Städte haben nun bis zum 30. November Zeit zum Nachbessern."

SID: "Wie wird am 30. November mit den ukrainischen Bewerbern verfahren?"

Zwanziger: "Es sind anspruchsvolle Bedingungen bezüglich der Hotels, Flughäfen und Verkehrsverbindungen zu erfüllen. Es gibt zwei Optionen. Werden von allen drei diese Voraussetzungen erfüllt, werden auch alle drei bestätigt. Somit würden Polen und die Ukraine jewelis vier Städte stellen. Werden die Bedingungen nicht von allen erfüllt, könnte es auch zu einer Lösung Kiew plus 1 geben. Es gibt also die Möglichkeiten 4+4 oder 4+2. Es wird allerdings keinen fünften Standort in Polen geben. Der UEFA-Präsident hat nochmals deutlich gemacht, dass wir Polen und der Ukraine eine Chance geben wollen."

SID: "Herrschte im Exko eine große Einmütigkeit darüber, zunächst nur einen ukrainischen Standort zu benennen?"

Zwanziger: "Es gab nochmals eine Präsentation der beiden Verbände, anschließend wurde diskutiert. Aber sehr schnell wurde klar, dass es zum jetzigen Vorschlag keine Alternative geben würde. Die Risiken sind nicht wegzudiskutieren."

SID: "Die UEFA hat zudem ein klares Signal im Kampf gegen Rassismus abgegeben. Schiedsrichter können künftig bei rassistischen Auswüchsen Spiele abbrechen. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?"

Zwanziger: "Michel Platini hat nochmals seine klare Haltung in dieser Frage zum Ausdruck gebracht. Es ist eine Frage der Moral. Gucken wir weg oder tun wir alles, um gegen Diskriminierung und Rassismus, die im Sport und in der Gesellschaft nichts zu suchen haben, vorzugehen. Ich bin froh über dieses klare Signal, das die deutsche Haltung in dieser Frage nachdrücklich unterstützt."

SID: "Wie war generell Ihre Aufnahme bei Ihrer ersten Sitzung im Exekutivkomitee?"

Zwanziger: "Sehr gut. Ich kannte ja alle, ich war ja kein Neuling. Mir hat gefallen, wie Michel Platini die Sitzungen geleitet hat. Es gibt kein Geschwafel, keine Abschweifungen. Ich bin zum Vorsitzenden der Rechtskommission berufen worden. In diesem Gremium geht es darum, Verbands- und EU-Recht in Einklang zu bringen. Das ist mir ein großes Anliegen. Außerdem bin ich Mitglied der Finanzkommission. Es ist sicher gut, über die Finanzströme der UEFA im Bilde zu sein."