2009.05.28 Neuss : "Shanghai ist eine sensationelle Stadt"

Vor dem Länderspiel gegen China berichtet der dreimalige Nationalspieler Jörg Albertz von seinen Erlebnissen im Reich der Mitte. Der Ex-Hamburger spielte zwei Jahre in Shanghai.

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Jörg Albertz war zwei Jahre in China aktiv

Jörg Albertz denkt mit gemischten Gefühlen an seine Zeit in China zurück. "Auf der einen Seite bleibt es ein unvergessliches Erlebnis, auf der anderen Seite war ich doch froh, dass dieses Abenteuer nach knapp zwei Jahren zu Ende ging", sagte der dreimalige deutsche Nationalspieler im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID). Der 150-malige Bundesligaspieler war im Februar 2003 als erster deutscher Profi in die chinesische Liga gewechselt, wo er auf Anhieb mit Shanghai Shenhua Meister wurde und im selben Jahr als Fußballer des Jahres ausgezeichnet wurde.

"Das war eine besondere Ehre", berichtete Albertz, bei dem am Freitag anlässlich des Länderspiels zwischen China und Deutschland in Shanghai (14.00 MESZ/live in der ARD) Erinnerung an seine Zeit in der Hafenstadt mit ihren insgesamt rund 18 Millionen Einwohnern wach werden.

"Shanghai ist eine sensationelle Stadt. Aber sie hat zwei Seiten. Auf der einen sieht man jede Menge Armut, auf der anderen die riesigen Wolkenkratzer und die angesagtesten Läden der Welt", sagte der dreimalige schottische Meister (1997, 1999 und 2000 mit den Glasgow Rangers) weiter.

Geduscht wurde im Hotel

Zudem sei es für ihn auch arbeitstechnisch ein Kulturschock gewesen, als er seinerzeit vom Hamburger SV in die bedeutendste Industriestadt der Volksrepubklik gewechselt war: "Die Liga ist mit unserer nicht zu vergleichen. Es gibt überwiegend veraltete Stadien, daran hat auch die Olympia-Gastgeberrolle im vergangegen Jahr nichts verändert. Wir mussten im Hotel duschen, da aus den Duschen in unseren Kabinen nur eine braune Brühe rauskam."

Dies wäre aber alles nicht so schlimm gewesen, wenn sich nicht in seinem zweiten Jahr die Gewissheit verfestigt hätte, dass es auf den Fußballplätzen im Reich der Mitte nicht immer mit rechten Dingen zugeht.

"Ich hatte ja auch schon von Korruption gehört, aber so recht vorstellen konnte ich mir das nicht. Als wir uns dann aber nach der Meisterschaft noch verstärkt haben und trotzdem sehr merkwürdige Niederlagen kassiert haben, wurde mir klar, dass da was nicht stimmt. Auf einmal kassierten wir reihenweise Gegentore, die unser Torwart im Training alle verhindert hätte. Da konnte man dran fühlen, auch wenn es nie irgendwelche Beweise gab."

So ähnlich erging es auch Bielefelds Jahrhunderttrainer Ernst Midddendorp, der es bei Yatai Changchun nur drei Monate aushielt. Zuvor hatte er bei zwei Spielen seines Klubs das Gefühl, das der Spielausgang sehr seltsam war.

Middendorp nur kurz in China

Beim 6:0 gegen Guangzhou verzichtete der gegnerische Trainer auf seine Leistungsträger, weil es für die zu kalt gewesen wäre an jenem Tag. Beim 0:3 von Middendorps Mannschaft gegen Yuandong hatten sich drei seiner eigenen Leistungsträger kurzfristig krank gemeldet. Die Ersatzleute leisteten sich katastrophale Patzer.

"Es steht mir nicht zu, irgendwelche Vermutungen zu äußern. Aber es war alles sehr merkwürdig, deshalb habe ich für mich persönlich schnell die Konsequenzen gezogen", sagte Middendorp dem SID.

Für Middendorp und Albertz wird der chinesische Fußball trotz der Teilnahme an der WM 2002 und den vereinzelten Erfolgen der starken Frauen-Nationalmannschaft noch jahrelang hinter der Musik hinterherlaufen. "China hat im Tischtennis und Bodenturnen echte Granaten, im Fußball stecken sie aber nach wie vor in den Kinderschuhen. Das ist vor allem eine Strukturfrage. Sie haben gute Fußballer, die auch regelmäßig ihren Weg ins Ausland schaffen, aber das gesamte Verständnis für Taktik und Spielsysteme ist nicht vorhanden. Das wird auch noch einige Jahre dauern", erklärte Albertz.

Middendorp: "Der Verband macht sich immer nur kurzfristig Gedanken. Wenn die WM-Qualifikation oder Olympische Spiele vor der Tür stehen, wird drei Monate vorher ein neuer Trainer engagiert, der es dann richten soll. Aber so kann das nicht funktionieren."